Sonntag, 27. Juli 2025

Blumfeld (1)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, hatte in seinem sehr erfolgreichen Roman „Heimkehr nach Yucatán“ überaus ausführlich das rituelle Ballspiel der alten Maya beschrieben. Seit dem Erscheinen des Buches rätselte daraufhin die Fachwelt, woher Blumfeld eigentlich seine so genauen und nach derzeitigem Forschungsstand durchaus zutreffenden Kenntnisse bezogen haben könnte, da er doch nachweislich niemals in Mittelamerika gewesen war und sich, nach allem, was man darüber wusste, auch keinerlei einschlägige Veröffentlichungen verschafft hatte. Blumfeld selbst hatte sich darüber immer in Schweigen gehüllt und die diesbezüglichen Fragen nicht beantwortet. Aber einer, der behauptete, mit Blumfeld gut bekannt gewesen zu sein, erzählte, Blumfeld habe ihm einmal gestanden, alles nur geträumt zu haben. Fachleute schlossen das aber aus.

Die Mutprobe

Die Mutprobe entfiel. Aber niemand wagte zu sagen, warum.

Samstag, 26. Juli 2025

Die Kraftprobe

Die Kraftprobe musste entfallen, weil sich weit und breit keiner bereitgefunden hatte, gegen Schwächere anzutreten.

Dienstag, 10. Juni 2025

Ein Gott

Dort drüben, ganz hinten im Bücherregal, in einer besonders dunklen Ecke haust zwischen Staub und Spinnweben ein kleiner, unansehnlicher, uralter Gott. Seit langer, langer Zeit haben ihn alle vergessen, aber schon früher, vor einer kleinen Ewigkeit, als manche ihn noch kannten, war es mit seiner Verehrung nicht weit her gewesen. Heutzutage weiß niemand mehr auch nur seinen Namen, und er selbst wohl auch nicht mehr.
   Er ist offenbar ein Überbleibsel aus der Zeit der vielen Götter, an die sich heute niemand mehr erinnert. Längst ist er völlig nutzlos geworden, wenn er denn überhaupt je nützlich war, und er hat nichts tun. Meistens sitzt er einfach ruhig da, auf einem Bücherstapel, und wartet. Auf nichts. Denn es gibt nichts, worauf er warten könnte. Er wartet trotzdem. Was sollte er auch sonst tun? Es gibt nichts, was er tun könnte.
   Vielleicht wäre er gern sterblich und irgendwann endlich gestorben. Aber das ist nicht möglich. Götter sterben nicht. Sie verschwinden allenfalls. Doch dafür hat er wohl den richtigen Zeitpunkt verpasst. Also ist er geblieben. Er lebt und sitzt einfach da. Sinnloserweise.
   Manchmal baumelt er ein bisschen mit den Beinen. Bloß so. Dann lässt er das wieder. Bloß so.
  Er empfindet vermutlich weder Freude noch Leid und auch keinerlei Langeweile. Er sitzt bloß so da und nimmt keinen Anteil an der Welt und den Menschen darin. Früher, vor einer kleinen Ewigkeit, war das bestimmt anders, da interessierte er sich noch für die Menschen und ihre Schicksale. Aber da sich dann niemand je für ihn interessierte, verlor auch er schließlich jegliches Interesse.
   Er schläft nie. Es gäbe auch nichts, wovon er träumen könnte. Eigentlich denkt er auch an nichts, zumindest an nichts Besonderes. Er sitzt nur da.
   Mir tut der kleine, hässlich Gott ein bisschen leid. Gern holte ich ihn aus seiner dunklen, staubigen Ecke hervor und ließe ihn zu Ehren kommen. Aber eigentlich weiß ich nichts mit ihm anzufangen. Und würde er das überhaupt wollen? Außerdem habe ich schon einen Gott, einen großen, herrlichen,  allmächtigen. Was soll ich da mit dem mickrigen? Also lasse ich ihn, wo er ist. Weil er mir leid tut und ich doch nichts machen will, versuche ich, so wenig wie möglich an ihn zu denken. Das ist sicher besser so. Wahrscheinlich werde auch ich ihn irgendwann vergessen haben.

Vogelperspektive

Der Adler war dazu verurteilt worden, die Leber des Prometheus zu fressen, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Er hasste das. Erstens musste er dazu jedesmal extra in den Kaukasus fliegen. Und zweitens konnte er schon keine Leber mehr sehen. Er wäre so gerne Vegetarier geworden und hätte sich nur von Körnern ernährt. Aber die Götter erlaubten das nicht. Wie froh war der Vogel darum, als endlich Herkules kam und den Titanen befreite. Nie wieder Leber! Der Adler trug Prometheus nichts nach, der konnte ja nichts dafür, dass der Adler verurteilt worden war, und er besucht ihn darum ab und an in seinem Altersheim. Dann brachte er immer Dinkelkekse mit, von denen sie zum Nachmittagstee ein paar knabberten. Sie hatten einander nicht viel zu sagen und vermieden es, die gemeinsame Zeit im Gebirge zu erwähnen. Aber die Kekse schmeckten ihnen offensichtlich beiden. Das genügte.

Montag, 2. Juni 2025

Die hier

Eigentlich sollten sie hier sein. Aber man sagt, sie hätten hier nichts zu suchen, weil sie hier nichts verloren hätten. Als hätte je einer bestritten, dass der Verlust anderswo stattfand. Nun geschieht er auch hier. Sie fehlen. Manche freilich haben es trotzdem fürs Erste geschafft. Man wird sehen, wohin das führt. Dass sie nicht aufgegeben haben, beweist leider gar nichts. Im Gegenteil, der Vorwurf lautet auf Aufdringlichkeit. Man speist sie ab mit Vorschriften. Sie kommen nicht zu Wort. Das scheint auch nicht nötig zu sein. Es ist schon alles gesagt, darf man annehmen. Keine Widerrede, keine Ausflucht, keine Wünsche. Nur Schuldigkeit. Nachweise sollen zu erbringen sein, die damit gar nichts zu tun haben. Gesetze widerrufen das Recht nach Belieben. Falsche Grenzen bilden den Maßstab. Der will verteidigt werden gegen alle weiteren. Aber es hilft nichts. Sie sind unterwegs. Sie sind schon da. Wer angeblich nicht hierher gehört, ist offensichtlich dringend von Nöten.

Sonntag, 17. November 2024

Aus einem noch ungeschriebenen Roman

„Schaun Sie nur“, sagte Theodor. Wir saßen auf einer Bank im Park. „Die beiden jungen Männer dort drüben trainieren, was man wohl Parcours nennt. Ach, all die kühnen Klettereien, Klimmzüge, Sprünge und Drehungen in der Luft. All das, was ich nie konnte. Ich schwanke zwischen Bewunderung und Neid.“
    „Ich habe die sportlichen Jungs nie beneidet“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Begehrt vielleicht, aber nicht beneidet. Körperliche Bewegung um der körperliche Bewegung willen war mir immer unverständlich und, wenn man mich dazu zwingen wollte, zuwider.“
    „Sie sind ganz auf einander und auf die Hindernisse fokussiert, die sie mit spielerischer Leichtigkeit zu überwinden suchen. Sie brauchen keine Zuschauer. Was für eine Wohltat inmitten all des Selbstdarstellungswahns im Internet und anderswo.“
    „Nun, Sie immerhin sehen ihnen zu. Und jeder im Park kann das. Wer weiß auch, ob sie nicht nur üben, um einander später, wenn sie’s können, zu filmen.“
    Theodor hörte mir gar nicht zu. „Es ist, als würden Certeaus Gedanken über die listige Aneignung des urbanen Raums in überaus kraftvolle und anmutige Bewegungsabläufe übersetzt!“, schwärmte er.
    Ich schwieg. Aneignung des Raums? Oder vielmehr vorfabriziertes Modell einer Freizeitbeschäftigung ― denn die zwei hatten Parcours ja nicht erfunden ―, um Zeit totzuschlagen und dabei die hässliche und vernunftwidrige Verbautheit der Stadt zu leugnen und so zu tun, als wäre alles ein Spaß. Anpassung an entfremdete Körpernormen und Vergeudung von Kraft und Leidenschaft. Sport erschien mir seit langem als unschöne Verkörperung der kapitalistischen Maximierungsmaxime: höher, schneller weiter, Leistung nicht um eines sinnvollen Zweckes willen, sondern bloß um der eigenen Zurüstung, des Ausstechens von Konkurrenz und eben der Unterwerfung unter ein Prinzip willen.
    Theodor war ganz verliebt: „Schaun Sie nur, bei jedem Salto fällt ihnen die Mütze vom Kopf und wird hinterher in aller Seelenruhe wieder aufgesetzt. Sie muss eben sein.“
    Für mich hatte das Zwanghafte daran nichts Sympathisches. Aber ich sage nichts. Die Jungs waren wirklich schnuckelig, und ich gönnte es Theodor, sich an ihnen zu erfreuen, auch wenn ich seine Deutungen ihres Tuns nicht teilte.