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Dienstag, 26. Mai 2026

Miniaturen (12)

Als der Vulkan ausbrach, fürchtete er sich nicht, sondern freute sich sehr darüber, derlei sozusagen am eigenen Leib erleben zu können. Er floh zwar mit den anderen, war aber weniger darum besorgt, sich in Sicherheit zu bringen, als vielmehr, möglichst viel von dem Ereignis mitzubekommen.
 
Schon beim ersten Verhör gab er zu, ein Feind der herrschenden Partei zu sein und redete sich um Kopf und Kragen. „Was haben wir mit euch zu schaffen“, sagte er laut und erregt, „ihr seid uns aufgezwungen worden, mit Waffengewalt, von einer fremden Macht, nicht durch irgendeine Revolution, schon gar nicht eine proletarische, sondern ...“ ― „Das genügt!“, schrie der Vernehmungsbeamte. Man packte ihn, schleppte ihn zurück in seine Zelle und verprügelte ihn.
 
Er war aus einem Land zurückgekehrt, in dem er lange gelebt und sich immer fremd gefühlt hatte, fühlte sich aber jetzt auch hier, in der sogenanntem alten Heimat, durchaus fremd.
 
Die Reise war kurz gewesen, und ebenso viele Tage, wie er unterwegs gewesen war, war er nun schon wieder zurück, und doch erschien ihm die Zeit dort viel länger als die Zeit hier.
 
Er hatte vorab beschlossen, sich während seines Aufenthaltes in fremder Gegend von nichts beeindrucken zu lassen, und war schließlich enttäuscht, wie leicht ihm das fiel.

Donnerstag, 16. April 2026

Miniaturen (11)

Er kannte seine Grenzen durchaus und überschritt sie, beherzt, aber nicht rücksichtslos.
 
Er wollte jemand sein, den ihm niemand zutraute. Doch als er es geworden war, musste er feststellen, dass er niemanden interessierte.
 
Er wollte niemandem überlegen sein, nicht einmal sich selbst. Oder nur ein bisschen.
 
Er warf sich vor, sich zu wenig für das zu interessieren, was andere machten. Was er machte, interessierte andere überhaupt nicht.
 
Er verschwendete sich. Aber nur so konnte er wenigstens ein bisschen was zu Stande bringen

Mittwoch, 4. März 2026

Miniaturen (10)

Er hoffte darauf, dass alles ein Ende nehme.
 
Er ging davon aus, dass es nicht so weitergehen könne.
 
Es kam ihm viel schlimmer vor, wenn es nie aufhörte, als wenn es irgendwann aufhören musste.
 
Er sagte sich: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
 
Er war Optimist, weil er daran glaubte, dass man alles besser machen konnte.
 
Er war Pessimist, weil er daran glaubte, dass man es nicht besser machen werde.
 
Er hielt Wunder für möglich, aber nicht für wahrscheinlich.
 
Er war gegen die Katastrophe und hielt sie für vermeidbar, war aber sicher, dass sie eintreten werde.  
 
Er befürwortete den Untergang nicht, wie er ja auch den Niedergang nicht befürwortete, aber er war nicht bereit, so zu tun, als geschehe derlei nicht.
 
Er hatte nicht das Bedürfnis, sich zu retten, wenn alles verloren war.
 
Er glaubte nicht an das Nichts, wollte aber auch keine Vorstellung von dem haben haben, woran er hätte glauben wollen. 

Mittwoch, 11. Februar 2026

Miniaturen (9)

Er hielt nicht allzu viel von sich selbst.
 
Er misstraute sich selbst, aber mehr aus Gewohnheit als aus Erfahrung.
 
Seine eigene Meinung galt ihm nichts, bis er sich vergewissern konnte, dass es auch die Meinung anderer war.
 
Er war überzeugt, alle seine Fehler zu kennen, und hielt seine vermeintlichen Vorzüge für bloße Missverständnisse. 
 
Manchmal war er überzeugt, dass niemand bescheidener sei als er.
 
Es war ihm sehr darum zu tun, jede Eitelkeit zu vermeiden.
 
Er strebte auf vielfältige Weise und großem Aufwand nach Einfachheit.
 
Sorgfältig achtete er darauf, sich nicht in Details zu verlieren. 
 
Er bestand darauf, dass es mehr auf Fragen ankomme als auf Antworten.
 
Er verabscheute Dogmen. Daran ließ er keinen Zweifel.

Mittwoch, 4. Februar 2026

Miniaturen (8)

Er wollte diese Frau, die er nicht kannte oder eben erst kennengelernt hatte, unbedingt ficken. Nicht wegen des Genusses, sondern der Befriedigung halber, sie gehabt zu haben. Er war versessen darauf, sein Ziel zu erreichen. Er würde draufgängerisch sein, wenn er meinte, dass sie erobert werden wollte, zärtlich, schmeichlerisch, einfühlsam, wenn er meinte, dass sie verführt werden wollte. Niemals, außer vielleicht in ungewohnter Wut, würde er vergewaltigen. Er wollte, dass das jeweilige Mädel (er nannte alle jungen Frauen Mädels) gerade von ihm genommen werden wollte. Die Frau brauchte ihn nicht zu begehren, nicht zu mögen, nicht zu verstehen, sie sollte ihn nur drüberlassen. Das genügte ihm. Je mehr Mädels er gefickt hatte, desto männlicher fühlte er sich. An den Mädels selbst lag ihm nichts oder nicht viel. Im Grunde verachtete er sie, weil sie für ihn die Beine breitgemacht hatten. Er begehrte sie, aber nur, weil sie gefickt werden konnten, weil sie das waren, was man eben so fickte. Sie zu begehren, von der Idee, sie zu ficken, erregt zu sein, war die Voraussetzung des Fickenkönnens. Ohne Geilheit kein Ständer. Männer zu ficken, hätte ihm hingegen nichts gebracht. Männerkörper interessierten ihn nicht, sie zu ficken, hätte nicht gezählt. Männer waren bloß der Bezugsrahmen seiner Erfolge. Es erregte ihn, wenn er der erste war, der ein Mädel fickte, wenn er also allen anderen zuvorgekommen war. Und es erregte ihn, wenn er wusste, dass schon einige oder sogar viele über das Mädel drübergestiegen waren, dass er sozusagen in ein Fotze voller fremden Spermas hineinfickte. Immerhin war jetzt er es, der hier gleich abspritzen würde, und kein anderer.

Samstag, 24. Januar 2026

Miniaturen (7)

Was er sich da zurechtgelegt hatte, war ziemlicher Blödsin, und das wusste er. Aber es genügt ihm, um nicht weiter nachdenken zu müssen.
 
Es ging ihm nicht um Wahrheit, sondern darum, seine Ruhe zu haben.
 
Es ging ihm nicht um Gerechtigkeit, sondern darum, dass es feste Regeln geben musste.
 
Die anderen galten ihm alle als Störenfriede oder mögliche Störenfriede.
 
Dass andere Menschen Rechte hatten, verstand er so, dass er daran gehindert werden sollte, das zu tun, was er wollte und was notwendig war.
 
Er wusste immer sehr genau, was zu tun war, aber weil er alles selber machen musste und sich auf niemanden verlassen konnte, vermochte er meistens nur wenig auszurichten.
 
Er fühlte sich fast immer missverstanden. Man neidete ihm offensichtlich seine Fähigkeiten und, wenn sie sich einstellten, seine Erfolge.
 
Er kämpfte stets an mehreren Fronten zugleich.  
 
Wer ihm in die Quere kam, war sein Feind. Und Feinde schaltet man aus. 
 
Er war ein freier Mensch und ließ sich auch zum Nachdenken nur ungern zwingen. 
 
Er war nicht überheblich, wusste aber, dass er immer Recht hatte. Nun gut, manchmal irrte er sich auch, aber dann war er meistens getäuscht worden und zu gutmütig gewesen. Oder man hatte ihm Informationen vorenthalten, die er gebraucht hätte. 
 
Er hatte es mit lauter Dummköpfen, dreisten Lügnern und miesen kleinen Halunken zu tun.

Montag, 19. Januar 2026

Miniaturen (6)

Er wollte immer gern etwas für andere tun, kam aber irgendwie nie dazu.
 
Er benahm sich in Gesellschaft stets daneben, weil er andere zu gern darüber belehrte, was sie falsch machten und wie sie es richtig machen müssten.
 
Er sprach gern von seinem Desinteresse an sich selbst.
 
Er sah seine Stärke darin, seine Schwächen offenzulegen. 
 
Er konnte sich seine Unerbittlichkeit nicht verzeihen. 
 
Er war sich seiner Selbstzweifel gewiss. 
 
Er fand, dass ihn andere für seine Bescheidenheit loben sollten.
 
Seine Bedürfnislosigkeit war ihm ein starkes Bedürfnis. 
 
Er wollte immer alles ganz schlicht haben, aber um jeden Preis. 
 
Er setzte seine Anspruchslosigkeit rigoros durch.

Montag, 12. Januar 2026

Miniaturen (5)

Er war für gewöhnlich der letzte, der erfuhr, was er zu sagen hatte. Manchmal war es auch zu spät.
 
Er hätte gern die Augen vor der Realität verschlossen, aber er konnte seine Schlüssel nicht finden.
 
Er war nicht gern unter anderen Menschen, aber noch weniger unter denselben.
 
Er blieb am liebsten mit sich allein, obwohl er nur eine sehr geringe Meinung von sich hatte.
 
Er fühlte sich immer von allen beim Nachdenken gestört, wollte aber dringend immer andere wissen lassen, was er gerade dachte.
 
Er legte viel Wert darauf, was Leute von ihm hielten, die ihm im Übrigen völlig egal waren.
 
Er teilte seine eigene Meinung fast nie, jedenfalls nicht auf Dauer, sondern nur vorübergehend.
 
Er stellte den Lehrsatz auf, dass man auf keinen Fall Lehrsätze aufstellen dürfe.
 
Er äußerte mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch duldete, wovon er gerade überzeugt war, aber das konnte im nächsten Augenblick oder morgen oder in einer Woche schon etwas ganz anderes sein.
 
Er verachtete die, die seine Meinung noch teilten, wenn er dieser Meinung bereits nicht mehr war. 

Montag, 3. November 2025

Miniaturen (4)

Er war mittelmäßig in jeder Hinsicht und fand das ganz normal.
 
Ganz normal war er freilich nicht, denn hatte wenig, fast nichts von dem erreicht, was man vorweisen musste, um wirklich als normal gelten zu können.

Er hatte eine Abneigung gegen alles Großspurige, Übertriebene, Wichtigtuerische. Derlei hätte ihn, wenn er sich dem nicht mit überlegener Abwehrgebärde entzogen hätte, an sein eigenes Ungenügen und Versagen erinnert.

Seine Devise hätte sein können: „Nichts im Übermaß“, wenn er zu Übermäßigem überhaupt noch fähig gewesen wäre.

Gewiss, er hatte einige Unarten und mickrige Laster, aber die fielen kaum auf. Ihm am wenigsten, und wenn doch, dann zuckte er mit den Schultern und entschuldigte sich selbst damit, er sei eben so.

Zuweilen war er knapp an einer Psychose vorbeigeschrammt, hatte sich auch einmal selbst in die Irrenanstalt eingewiesen, nahm ständig einschlägige Pillen und unterzog sich Therapien, von deren Nutzlosigkeit der im Voraus überzeugt war. Und die ihm auch tatsächlich nichts brachten.

Sein Glück, wenn man es denn so nennen will, war, dass er ebenso wenig Gründe für einen Selbstmord anzugeben wusste wie fürs Weiterleben. Er wählte das, was weniger prätentiös war.
 
Er war durchaus gebildet. Er mochte Musik und las. Er verwarf aber alles, was ihn herausforderte. Er wollte es einfach, gemütlich, ablenkend haben.

Als eine besondere Zumutung empfand er es, wenn er von irgendwem zu irgendetwas „Kulturellem“ eingeladen oder aufgefordert wurde, wozu er keine Lust hatte, wegen der möglichen Herausforderung, und wozu er auch auf keinen Fall Meinung haben müssen wollte. Besonders zuwider war es ihm, wenn Freunde oder Bekannte selbst etwas produziert hatten. Warum machten die Leute dies und das, sangen, tanzten, komponierten Streichquartette und Opern, schrieben Theaterstücke, Gedichtbände, Romane, malten Bilder, bearbeiteten Marmor, gossen Bronze, formten aus Ton? Warum ließen sie nicht alles, wie es war?

Montag, 20. Oktober 2025

Miniaturen (3)

Er sprach zu seinem großen Bedauern nur selten mit solchen, die etwas Belangvolles zu sagen hatten, von denen man Neues und Richtiges erfuhr, mit denen man Gedanken austauschen konnte zu bedeutsamen Themen, von denen man lernen und denen man etwas mitteilen konnte. Die Leute, mit denen er es stattdessen Umgang zu haben pflegte, redeten zwar mehr oder minder viel, aber meistens nichts, das anzuhören sich lohnte. Er fand sich wegen dieser Einschätzung nicht überheblich, sondern anspruchsvoll. Er verspürte eben ein Bedürfnis nach echten Gesprächen mit Leuten, die auf ihre Weise gebildet waren und sich auf etwas verstanden, die Fakten kannten und bewerten konnten, die nachdachten, die kritisch waren, deren Urteile wohlbegründet waren, die nicht bloß irgendetwas nachplapperten, was sie irgendwo gehört zu haben meinten. Solche Leute waren selten. Jedenfalls kannte er fast keine. Darum blieb er viel für sich. Er gab zu, was er selbst im Alltag so sagte, war auch oft belanglos. Er hatte nichts gegen ein Schwätzchen ab und zu, gegen einen freundlichen Spruch, ein gut gesetztes Witzwort, es freute ihn, wenn er jemanden zum Schmunzeln, zum Lächeln, gar zum Lachen brachte. Das machte den Umgang erträglicher. Aber daraus lernte er nichts, das brachte ihn nicht weiter, davon wurde er kein besserer Mensch. Er hätte stattdessen gern auch zum Nachdenken gebracht. Hätte gern Fragen gestellt und Antworten bekommen, die Wesentliches betrafen. Damit blieb er allein. Er bedauerte das. Er konnte es nicht ändern. Was hätte er sagen sollen?

Er war sicher, dass man ihn merkwürdig fand. Er fand sich selbst merkwürdig.

Weil er niemanden hatte, mit dem er über das, was er tat und noch tun wollte, reden konnte, verlor er das Gefühl dafür, ob das, was er tat und tun wollte, Bedeutung hatte und welche. Ihm fehlte die Berichtigung und Verbesserung der Gedanken durch Gedankenaustausch. Er war auf sich allein gestellt, und musste wichtige Gespräche mit sich selbst führen, die er besser mit anderen geführt hätte. Er war nicht unkritisch sich selbst gegenüber, das war nie sein Problem gewesen, aber er hatte es so schrecklich satt, immer alles selbst machen zu müssen, hätte es vorgezogen, wenn ihm wenigstens ab und zu jemand bei der Beurteilung und Bewertung dessen, was er tat und tun wollte, zur Hand gegangen wäre. Gegen die Kritik anderer konnte er sich wehren oder sie annehmen oder erst das eine, dann nach und nach das andere. Gegen seine eigene Kritik hingegen war er wehrlos. Sie konnte ihn vernichten.

Samstag, 27. September 2025

Miniaturen (2)

Er fand sich mit den Verhältnissen nicht ab, weil er sie nicht verstand. Hätte er sie verstanden, hätte er sich freilich erst recht nicht mit ihnen abfinden wollen.
 
Er wollte sich mit den herrschenden Verhältnissen nicht abfinden, egal, wie sie waren, denn wenn sie herrschten, fand er, seien sie schlecht.
 
Er fand sich mit den Verhältnissen nicht ab. Das war immer wieder der Grund seines Scheiterns. Aber hätte er sich je mit den Verhältnissen abgefunden gehabt, wäre er erst recht gescheitert gewesen.

Dienstag, 9. September 2025

Miniaturen (1)

Er hatte sich selbst versprochen, dergleichen nicht mehr zu tun. Als er es aber dann doch tat, regte er sich über sich selbst sehr auf und überhäufte sich mit Vorwürfen. Doch statt sich zu rechtfertigen, zuckte bloß mit den Achseln, drehte sich um und ging weg.
 
Er folgte sich selbst auf Schritt und Tritt, was ihm oft lästig war, er wäre lieber häufiger allein gewesen.
 
Er redete viel mit sich selbst, aber das meiste  war blanker Unsinn.
 
Er kannte sich nicht sehr gut, weil er wenig auf sich achtete und sich selten richtig zuhörte.
 
Er war meistens mit so viel anderem beschäftigt, dass kaum Zeit für sich selbst hatte.
 
Er versuchte, sich selbst nicht zu beachten, und  das gelang ihm ganz gut.
 
Er verheimlichte einiges vor sich selbst, weil er aus guten Gründen befürchten musste, sonst in seinem eigenen Ansehen zu sinken. 
 
Er sei kein schlechter Kerl, fand er, aber schrecklich langweilig.
 
Wenn er sich selbst auf die Nerven ging, was häufig vorkam, wich er sich selbst aus und redete  oft tagelang nicht mit sich.
 
Er  hätte an sich selbst allerhand auszusetzen gehabt, sagte aber nichts, um sich nicht gegen sich aufzubringen.
 
Er konnte sich selbst nicht gut leiden, ließ sich aber nichts anmerken, um die Stimmung nicht zu verderben. 
 
Er fürchtete sich ein wenig vor sich selbst, denn er war sehr aufbrausend, und wer hätte sagen können, wozu er in seiner Wut fähig sein würde.