Dienstag, 8. September 2026

Märchen (1)

Es war einmal ein Ritter, der auszog, um einen Drachen zu erschlagen. Niemand hatte ihn damit beauftragt, und er tat es auch nicht, um sich einen Namen zu machen, sondern er hatte bloß gehört, der Drache sei ein unausstehliches Mitvieh und terrorisiere die ganze Gegend. Und dazu sind Ritter schließlich da, nicht wahr, dass sie die Menschen von Drachen befreien, die ihnen auf die eine oder andere Weise lästig sind. Man konnte nun nicht gerade sagen, der Ritter habe wahnsinnig viel Erfahrung mit dem Erschlagen von Drachen gehabt. Man hätte eher sagen können, dass es sein erstes Mal werden sollte. Der Ritter war also verständlicherweise ein wenig aufgeregt. Man hätte auch sagen können, ihm ging der Arsch auf Grundeis. Als er so in den dunklen Wald hineinritt, in dem sich die Höhle des Untiers befinden sollte, hätte man nicht sagen können, ob es seine Rüstung sei, die laut klapperte, oder seine Zähne. Jedenfalls kam der Ritter schließlich bei der Höhle an. Er nahm Aufstellung nach allen Regeln der ritterlichen Kunst, richtete die Lanze auf den Höhleneingang und rief mit belegter Stimme: „Komm heraus, du unausstehliches Mistvieh!“ Er wartete in höchster Erregung. Nichts geschah. „Komm heraus, Drache!“ Nichts. Gar nichts. Da stieg der Ritter vom Pferd, nahm allen seinen Mut zusammen, viel war es ja nicht, und ging in die Höhle hinein. Sie war leer. Der Ritter seufzte erleichtert. Er war aber auch enttäuscht. Und verwirrt. Er wusste nicht, was nun zu tun war. Der Ritter verließ die Höhle wieder, lehnte seine Lanze an einen Baum und setzte sich auf einen Felsbrocken, um in Ruhe nachzudenken. Sein Pferd, sich selbst überlassen, graste derweil in einiger Entfernung, als ginge es das alles nichts an. Tat es ja eigentlich auch nicht. Bei so einen Kampf mit einem Drachen konnte es zwar draufgehen, aber wenn der Drache erfolgreich erschlagen wurde, hatte es auch nichts davon. Der Ritter überlegte. Irgendwann würde der Drache wohl wiederkommen. Ihn in der Höhle zu erwarten, wäre dumm, da hätte der Drache, möglicher Überraschung zum Trotz, einen Vorteil. Ebenso, wenn der Ritter vor der Höhle auf ihn wartete, da sähe ihn der Drache nämlich schon aus einiger Entfernung. War es überhaupt ein fliegender oder ein kriechende Drache? Der Ritter wusste es nicht. Sich im Wald zu verbergen und darauf zu lauern, dass der Drache käme, kam dem Ritter irgendwie eines Ritters unwürdig vor. Und überhaupt, wie lange sollte er warten? Stunden? Tage? Er hatte nichts zu essen und zu trinken dabei. Was, wenn er vor Müdigkeit einschliefe? Wenn es dunkel würde? Im Finstern gegen einen Drachen zu kämpfen, ob der nun Feuer zu speien vermochte oder nicht, wäre wirklich dumm, fand der Ritter. Er war unzufrieden. Seine Angst war verflogen und einem gewissen Ärger gewichen. Das Ganze war ein blöder Einfall gewesen. Er hatte sich da auf bloßes Hörensagen hin auf irgendetwas eingelassen und sich schlecht vorbereitet. So ging das nicht. Am besten, beschloss der Ritter, er beendete die Sache jetzt. Also stieg er auf sein Pferd und ritt dorthin zurück, wo er hergekommen war. Unterwegs überlegte er, was er den Leuten erzählen solle. Aber was ging denn die Leute sein Kampf mit dem Drachen überhaupt an?

Freitag, 28. August 2026

Miniaturen (16)

Er war nicht recht bei der Sache und stellte später fest, dass es gar keine Sache mehr gab.

Er gefiel sich darin, ein Fachmann zu sein, was aber nur bedeutete, dass er in einem bestimmten Bereich etwas weniger unwissend war als in allen anderen.

Er verstand sich gut auf etwas, wusste das aber nicht und hatte darum nichts davon.

Er verlegte sich auf etwas, von dem er nicht einmal ansatzweise begriff, was es war.

Er kümmerte sich mit Vorliebe um dinge, die ihn nichts angingen, und und vernachlässigte, was eigentlich seine Aufgabe gewesen würen.

Er fühlte sich dazu berufen, einer Berufung nachzugehen, hatte sich aber noch nicht dafür so recht entscheiden können, welche das sein sollte.

Er nah es auf sich, alles zu unterlassen, was er nicht tun wollte.

Er arbeitete sich unermüdlich daran ab, die für ihn geeignete Beschäftigung nicht zu finden.

Donnerstag, 27. August 2026

Miniaturen (15)

Er dachte, er denke nach, aber tatsächlich träumte er nur, dass er dachte.
 
Er träumte, er träume, und tatsächlich träumte er auch.

Dienstag, 25. August 2026

Miniaturen (14)

Er wunderte sich darüber, was man mit Wörtern alles machen konnte. Zum Beispiel ihn erfinden.
 
Er mochte sogenannte fremde Sprachen lieber als die sogenannte eigene. Die kam ihm oft besonders fremd vor.
 
Er schrieb nichts auf, was er nicht zuvor in Gedanken gehört hatte.
 
Er freute sich, dass das Gesprochene verging (wenn es denn verging und nicht künstlich konserviert wurde), und scheute das Geschriebene, weil es ihm wie unverdauliche Knochen vorkam, von denen jemand alles Fleisch genagt hatte. Oder meinetwegen wie eine leere Grabkammer, die Grabräuber schon längst ausgeräumt hatten.
 
Er machte sich Notizen, um Gedachtes loszuwerden.
 
Er stieß manchmal auf früher von ihm Geschriebenes, und wäre es nicht unabweisbar seine Handschrift gewesen, er hätte nichts wiedererkannt und die Verfasserschaft abgestritten.

Sonntag, 9. August 2026

Miniaturen (13)

Er dachte darüber nach, ob vielleicht gar nicht so lächerlich sei, wie er sich vorkomme, kam dann aber zu dem Schluss, dass er es sehr wohl sei.
 
Er ärgerte sich über sich selbst, hatte aber gerade niemanden, dem er davon hätte erzählen können, als nur sich sich selbst, und auch das ärgerte ihn.
 
Er überlegte, warum sich so viele, wie man sagte, aus Verzweiflung umbrachten, aber keiner aus Wut, wo doch Wut, wie er fand, ein viel besserer Grund für ein Mord sei.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Vier neue Götter

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber de Leute kümmert es nicht. Sie haben zu viel zu tun, mit sich selbst und ihren Geschäften, da kann man auf irgendwelche Gerüchte von irgendwelchen neuen Göttern nichts geben. Was soll das auch bringen? Götter gibt es schon genug. Und was nützen einem die? Gewiss, man muss sie hin und wieder verehren, aber so richtig kann man nicht an sie glauben und verspricht sich auch nur wenig von ihnen.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, und die Leute strömen im Massen herbei, um ihn zu bestaunen. Noch wissen sie nichts über ihn und fühlen sich zu nichts verpflichtet, das ist aufregend. Dass ausgerechnet dieser hier das Heil bringen könnte, glauben sie zwar noch nicht, aber wer weiß, vielleicht macht er seine Sache unerwartet gut und rettet ihre Leben.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber keiner weiß davon.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber die alten Götter weigern sich zusammenzurücken, um ihm Platz zu machen. Sie seien ohnehin schon zu viele, da passe keiner mehr dazu. Was sie nicht wissen: Sie werden verschwinden und der neue Gott wird als einziger übrigbleiben.

Dienstag, 26. Mai 2026

Miniaturen (12)

Als der Vulkan ausbrach, fürchtete er sich nicht, sondern freute sich sehr darüber, derlei sozusagen am eigenen Leib erleben zu können. Er floh zwar mit den anderen, war aber weniger darum besorgt, sich in Sicherheit zu bringen, als vielmehr, möglichst viel von dem Ereignis mitzubekommen.
 
Schon beim ersten Verhör gab er zu, ein Feind der herrschenden Partei zu sein und redete sich um Kopf und Kragen. „Was haben wir mit euch zu schaffen“, sagte er laut und erregt, „ihr seid uns aufgezwungen worden, mit Waffengewalt, von einer fremden Macht, nicht durch irgendeine Revolution, schon gar nicht eine proletarische, sondern ...“ ― „Das genügt!“, schrie der Vernehmungsbeamte. Man packte ihn, schleppte ihn zurück in seine Zelle und verprügelte ihn.
 
Er war aus einem Land zurückgekehrt, in dem er lange gelebt und sich immer fremd gefühlt hatte, fühlte sich aber jetzt auch hier, in der sogenanntem alten Heimat, durchaus fremd.
 
Die Reise war kurz gewesen, und ebenso viele Tage, wie er unterwegs gewesen war, war er nun schon wieder zurück, und doch erschien ihm die Zeit dort viel länger als die Zeit hier.
 
Er hatte vorab beschlossen, sich während seines Aufenthaltes in fremder Gegend von nichts beeindrucken zu lassen, und war schließlich enttäuscht, wie leicht ihm das fiel.