Mittwoch, 4. November 2026

Grevenbrocks Berechnungen

Das 25. Jahrhundert währte nur kurz. Es fiel auf einen Mittwoch im Jahre 1713. Genauer gesagt, auf den 12. Juli. Zwischen sieben Uhr und siebenundzwanzig Minuten morgens bis exakt drei Minuten nach Beginn der Abenddämmerung. Das jedenfalls hatten Grevenbrocks umfangreiche und sehr sorgfältige Berechnungen ergeben. Schon seit Jahren befasste der Privatgelehrte sich mit der Frage, wie lang oder wie kurz bestimmte Jahrhundert wirklich waren. Das musste doch herauszubekommen sein. Auf die Idee hatte ihn gebracht, dass es immer hieß, das 19. Jahrhundert habe erst mit dem Weltkrieg geendet (und vielleicht erst mit dem Wiener Kongress begonnen). Grevenbrock fand das faszinierend. Warum war das so, wenn es denn so war? Und wie stellte man das fest? Inwiefern konnte ein Jahrhundert mehr oder weniger als hundert Jahre dauern? Und mussten die Jahre eines Jahrhunderts am Stück aufeinander folgen oder konnte es auch Lücke geben? Oder konnte umgekehrt ein Jahrhundert hin und wieder mal mehr, mal weniger zwischen den Jahren eines anderen Jahrhunderts vorkommen? Fanden vielleicht sogar zwei oder mehr Jahrhunderte mehr oder minder gleichzeitig stattfinden?
Grevenbrock fing an zu rechnen. Er rechnete hin und her. Er rechnete jahrelang. Er hatte keine Ahnung, was er da eigentlich tat, aber nach und nach fingen seine Ergebnisse an, ihn zu überzeugen. Die mathematischen Beweise waren vermutlich unwiderlegbar. Jedenfalls für ihn.
Zunächst fand Grevenbrock heraus, dass das 19. Jahrhundert bereits 1778 begonnen hatte, aber damals nur wenige Stunden dauerte, sich dann wieder 1813 fortsetzte, aber immer nur dienstags, ab 1816 dann auch an Wochenenden, und dass es schließlich ganz genau am 1. Mai 1921 endete, um 12 Uhr 32. Einmal hatte Grevenbrock geglaubt, das 19. Jahrhundert auch noch später gelegentlich nachweisen zu können, doch dann bemerkte er, dass nur ein wenig Heidelbeermarmelade auf seine Aufzeichnungen getropft war; seither aß er nur noch Erdbeermamrmelade zum Frühstück.
Grevenbrocks größte Entdeckung aber war, dass manche Jahrhunderte rückwärts stattfanden, also mir ihrem letzten Jahr begannen und mit dem ersten endeten. Das hatte er aber nicht eigentlich errechnet, sondern am eigenen Leibe erfahren, als er sich nämlich einmal an einem Küchenkasten den Kopf stieß, worauf hin ihm erst schwarz vor Augen wurde und ihm dann den ganzen Tag schwindlig war. Da war dann das mit den rücklaufenden Jahrhunderte unabweisbar.

Samstag, 31. Oktober 2026

Miniaturen (21)

Er stellte jede seiner Uhren auf eine andere, völlig willkürliche Zeit. Er wolle sich vom Konzept der Uhrzeit befreien, erklärte er.

Er trug, wenn überhaupt, dann nur Socken, die nicht als Paar zueinander gehörten. Er habe sich vom Denken in binären Begriffen emanzipiert, erklärte er.

Er schlief in der Küche, kochte im Bad, wusch sich im Wohnzimmer und wohnte im Schlafzimmer. Räume seien bloß Ansichtssache, erklärte er.
 
Er aß, wenn er keine Appetit verspürte, und legte sich schlafen, wenn er nicht müde war. Bedürfnisse seien etwas für unbedarfte Anfänger, erklärte er.

Er hatte nur noch mit abstoßenden Männern Sex. Bei attraktiven Menschen könne jeder einen hochkriegen, das sei keine Kunst, erklärte er.

Er schrieb, was er zu schreiben hatte, nur noch in Sprachen, die er nicht beherrschte. Verständlichkeit werde überschätzt, erklärte er.

Er benahm sich immer und überall wie ein Verrückter, nur nicht in der Irrenanstalt, in die man ihn brachte, dort benahm er sich überaus vernünftig und zurechnungsfähig. Das erkläre sich ja von selbst, erklärte er.

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Miniaturen (20)

Er hätte es gern gesehen, dass es endlich schneite. Weil er aber befürchtete, es womöglich zu verpassen, wenn es zu schneien anfinge, war es ihm dann doch lieber, es schneite nicht.

Er machte sich eine Liste aller Unannehmlichkeiten, von denen er sich vorstellen konnte, sie könnten ihm noch widerfahren, und verbrachte viel Zeit damit, sie absteigend nach dem Grad ihrer Lästigkeit zu ordnen.

Er hatte seine Erwartungen so weit heruntergeschraubt, dass es ihm gar nicht auffiel, wenn sie erfüllt wurden.

Er hielt sich selbst zuweilen vor, dass er sich zu wenig für die Dinge interessierte, die um ihn herum so vorgingen. Dann aber sagte er sich, wenn er immer in jeglicher Hinsicht das Schlimmste von allem annehme, genüge das völlig.

Märchen (6)

Es war einmal ein Märchen, das ging schlecht aus. Darum konnte es keiner leiden. Das machte dem Märchen sehr zu schaffen. Es wäre so gern ein sehr bekanntes und bei allen beliebtes Märchen gewesen. Weil es aber nun einmal war, wie es war, konnte das nicht sein. Und so endete das Märchen verzweifelt und einsam.

Montag, 26. Oktober 2026

Miniaturen (19)

Er war nicht bereit, so zu tun, als sei nichts gewesen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei alles normal.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei nichts anderes möglich.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als könne man da eben nichts machen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als müsse man alles mehr oder minder so hinnehmen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als könne es ewig so weitergehen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei ein besseres Leben für alle ein bloßer Wunschtraum.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei es schlimmer zu scheitern, als es gar nicht erst versucht zu haben.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei Würde etwas anderes als Freiheit, Gerechtigkeit und ein anständiges Leben.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei das letzte Wort schon gesprochen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei Hoffnung ein Luxus und keine absolute Notwendigkeit.

Samstag, 3. Oktober 2026

Märchen (5)

Es war einmal eine Prinzessin, die wollte keine Prinzessin mehr sein, sondern ein Frosch, genauer gesagt: eine Fröschin. Denn sie hatte von jener anderen Prinzessin gehört, die einen Frosch mit in ihr Schlafzimmer genommen und ihn dort an die Wand geklatscht hatte, so dass er er zu einem Prinzen geworden war, den sie hatte heiraten müssen und der das halbe Königreich bekommen hatte. Etwas derartiges sollte der Prinzessin, die keine Prinzessin mehr sein wollte, nicht passieren, sie lehnte solche patriarchalen Rollenbilder ab. Statt einen ehemaligen Frosch heiraten zu müssen, wollte sie lieber selbst ein Frosch sein, genauer gesagt eine Fröschin. Und so geschah es. Das heißt, es geschah überhaupt nichts. Denn ein Frosch werden zu wollen, genauer gesagt: eine Fröschin, war leeres feministisches Geschwätz ohne irgendeinen Reatitätsbezug, und viele Jahre saß die Prinzessin einfach nur da, ging allen auf die Nerven und blieb genau die Prinzessin, die sie immer schon gewesen war. Doch dann kam eines Tages eine Hexe vorbei und verwandelte sie in einen Frosch, genauer gesagt: in eine Fröschin. Da hüpfte die Fröschin voller Freude hinaus aus dem Schloss und hinein in die supfigen Wiesen, wo ein Klapperstorch sie mit seinem Schnabel aufspießte, in die Luft warf, auffing und verschlang. Und weil sie damals starb, lebt sie heute nicht mehr.

Donnerstag, 17. September 2026

Miniaturen (18)

Er spielte lieber nach eigenen Regeln, als die der anderen zu erlernen.
 
Er betrog nie, er passt nur seine Regeln dem Spielverlauf an.
 
Er war nicht einverstanden mit solchen Regeln, die nur dazu dazu sein schienen, ihm das Gewinnen zu erschweren oder unmöglich zu machen.
 
Er fand, dass er eigentlich immer gewann, dass aber die andere schlechte Verlierer waren, die auf Regeln pochten, die für ihn gar nicht galten.