Donnerstag, 29. Oktober 2026

Miniaturen (20)

Er hätte es gern gesehen, dass es endlich schneite. Weil er aber befürchtete, es womöglich zu verpassen, wenn es zu schneien anfinge, war es ihm dann doch lieber, es schneite nicht.

Er machte sich eine Liste aller Unannehmlichkeiten, von denen er sich vorstellen konnte, sie könnten ihm noch widerfahren, und verbrachte viel Zeit damit, sie absteigend nach dem Grad ihrer Lästigkeit zu ordnen.

Er hatte seine Erwartungen so weit heruntergeschraubt, dass es ihm gar nicht auffiel, wenn sie erfüllt wurden.

Er hielt sich selbst zuweilen vor, dass er sich zu wenig für die Dinge interessierte, die um ihn herum so vorgingen. Dann aber sagte er sich, wenn er immer in jeglicher Hinsicht das Schlimmste von allem annehme, genüge das völlig.

Märchen (6)

Es war einmal ein Märchen, das ging schlecht aus. Darum konnte es keiner leiden. Das machte dem Märchen sehr zu schaffen. Es wäre so gern ein sehr bekanntes und bei allen beliebtes Märchen gewesen. Weil es aber nun einmal war, wie es war, konnte das nicht sein. Und so endete das Märchen verzweifelt und einsam.

Montag, 26. Oktober 2026

Miniaturen (19)

Er war nicht bereit, so zu tun, als sei nichts gewesen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei alles normal.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei nichts anderes möglich.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als könne man da eben nichts machen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als müsse man alles mehr oder minder so hinnehmen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als könne es ewig so weitergehen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei ein besseres Leben für alle ein bloßer Wunschtraum.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei es schlimmer zu scheitern, als es gar nicht erst versucht zu haben.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei Würde etwas anderes als Freiheit, Gerechtigkeit und ein anständiges Leben.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei das letzte Wort schon gesprochen.
 
Er war nicht bereit, so zu tun, als sei Hoffnung ein Luxus und keine absolute Notwendigkeit.

Samstag, 3. Oktober 2026

Märchen (5)

Es war einmal eine Prinzessin, die wollte keine Prinzessin mehr sein, sondern ein Frosch, genauer gesagt: eine Fröschin. Denn sie hatte von jener anderen Prinzessin gehört, die einen Frosch mit in ihr Schlafzimmer genommen und ihn dort an die Wand geklatscht hatte, so dass er er zu einem Prinzen geworden war, den sie hatte heiraten müssen und der das halbe Königreich bekommen hatte. Etwas derartiges sollte der Prinzessin, die keine Prinzessin mehr sein wollte, nicht passieren, sie lehnte solche patriarchalen Rollenbilder ab. Statt einen ehemaligen Frosch heiraten zu müssen, wollte sie lieber selbst ein Frosch sein, genauer gesagt eine Fröschin. Und so geschah es. Das heißt, es geschah überhaupt nichts. Denn ein Frosch werden zu wollen, genauer gesagt: eine Fröschin, war leeres feministisches Geschwätz ohne irgendeinen Reatitätsbezug, und viele Jahre saß die Prinzessin einfach nur da, ging allen auf die Nerven und blieb genau die Prinzessin, die sie immer schon gewesen war. Doch dann kam eines Tages eine Hexe vorbei und verwandelte sie in einen Frosch, genauer gesagt: in eine Fröschin. Da hüpfte die Fröschin voller Freude hinaus aus dem Schloss und hinein in die supfigen Wiesen, wo ein Klapperstorch sie mit seinem Schnabel aufspießte, in die Luft warf, auffing und verschlang. Und weil sie damals starb, lebt sie heute nicht mehr.

Donnerstag, 17. September 2026

Miniaturen (18)

Er spielte lieber nach eigenen Regeln, als die der anderen zu erlernen.
 
Er betrog nie, er passt nur seine Regeln dem Spielverlauf an.
 
Er war nicht einverstanden mit solchen Regeln, die nur dazu dazu sein schienen, ihm das Gewinnen zu erschweren oder unmöglich zu machen.
 
Er fand, dass er eigentlich immer gewann, dass aber die andere schlechte Verlierer waren, die auf Regeln pochten, die für ihn gar nicht galten.

Mittwoch, 16. September 2026

Märchen (4)

Es war einmal ein Ritter, der war von den Bewohnern eines fernen Landstrichs zu Hilfe gerufen worden, weil ein Drache damit gedroht hatte, die ganze Gegend zu verwüsten und alle Menschen aufzufressen, wenn ihm nicht umgehend und dann wieder an jedem Monatsersten eine Jungfrau ausgeliefert werde. Die erste Jungfrau sei schon ausgeliefert worden, nun solle doch bitte der Ritter Abhilfe schaffen und den Drachen erschlagen. Der zu Hilfe gerufene Held machte sich also auf, traf den Drachen vor seine Höhle an, neben ihm eine junge Frau. „Ha, du Ungeheuer!“, rief der Ritter. „Du willst wohl gerade die Jungfrau verspeisen. Na, dir werd ich ...“ Der Drache unterbrach: „Also da muss ich gleich mal unterbrechen. Von wegen Jungfrau! Ich wurde hereingelegt. Schau dir diese kleine Schickse doch mal an, die hat schon so manchen drübergelassen.“ Dem Ritter stieg die Schamesröte ins Gesicht. Er hörte nicht gern von solchen Dingen, dazu war er zu keusch und rein. Die Situation überforderte ihn. Wenn der Drache die Wahrheit sagte und das Mädchen gar nicht fressen wollte, gab es auch keinen Grund, ihn auf der Stelle zu erschlagen. Der Ritter war ratlos. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er mit belegter Stimme. „Wir machen gar nichts“, antworte der Drache. „Die junge Dame hier kann sich nach Hause trollen, ich such mir eine andere Gegend, in der es vielleicht noch echte Jungfrauen gibt, und du machst, was du willst.“ Und so geschah es dann auch. Jeder ging seines Weges. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Die Hure als Hure, der Ritter als Ritter und der Drache als Drache.

Märchen (3)

Es war einmal ein Ritter, den der König eines fernen Landes zu Hilfe gerufen hatte, weil ein böser Drache gedroht hatte, die ganze Gegend zu verwüsten und alle Menschen aufzufressen, wenn ihm nicht des Königs Tochter ausgeliefert werde. Der verängstigte Vater versprach dem Ritter, wenn er die Prinzessin rette, werde er sie zur Frau bekommen und das halbe Königreich noch dazu. Der Ritter machte sich also auf zu der Stelle, wo man die Königstochter festgebunden hatte, damit der Drache sie holen konnte. Und tatsächlich, das Untier saß schon da neben der hysterisch kreischenden Jungfrau. Der Ritter verliebte sich sofort Hals über Kopf in den wunderschönen Drachen, der seinerseits an dem schmucken jungen Ritter Gefallen zu finden schien. Also ließen sie die Prinzessin Prinzessin sein und machten sich auf und davon. Der König aber musste seine Tochter behalten und das ganze Königreich noch dazu.