Freitag, 28. August 2026

Miniaturen (16)

Er war nicht recht bei der Sache und stellte später fest, dass es gar keine Sache mehr gab.

Er gefiel sich darin, ein Fachmann zu sein, was aber nur bedeutete, dass er in einem bestimmten Bereich etwas weniger unwissend war als in allen anderen.

Er verstand sich gut auf etwas, wusste das aber nicht und hatte darum nichts davon.

Er verlegte sich auf etwas, von dem er nicht einmal ansatzweise begriff, was es war.

Er kümmerte sich mit Vorliebe um dinge, die ihn nichts angingen, und und vernachlässigte, was eigentlich seine Aufgabe gewesen würen.

Er fühlte sich dazu berufen, einer Berufung nachzugehen, hatte sich aber noch nicht dafür so recht entscheiden können, welche das sein sollte.

Er nah es auf sich, alles zu unterlassen, was er nicht tun wollte.

Er arbeitete sich unermüdlich daran ab, die für ihn geeignete Beschäftigung nicht zu finden.

Donnerstag, 27. August 2026

Miniaturen (15)

Er dachte, er denke nach, aber tatsächlich träumte er nur, dass er dachte.
 
Er träumte, er träume, und tatsächlich träumte er auch.

Dienstag, 25. August 2026

Miniaturen (14)

Er wunderte sich darüber, was man mit Wörtern alles machen konnte. Zum Beispiel ihn erfinden.
 
Er mochte sogenannte fremde Sprachen lieber als die sogenannte eigene. Die kam ihm oft besonders fremd vor.
 
Er schrieb nichts auf, was er nicht zuvor in Gedanken gehört hatte.
 
Er freute sich, dass das Gesprochene verging (wenn es denn verging und nicht künstlich konserviert wurde), und scheute das Geschriebene, weil es ihm wie unverdauliche Knochen vorkam, von denen jemand alles Fleisch genagt hatte. Oder meinetwegen wie eine leere Grabkammer, die Grabräuber schon längst ausgeräumt hatten.
 
Er machte sich Notizen, um Gedachtes loszuwerden.
 
Er stieß manchmal auf früher von ihm Geschriebenes, und wäre es nicht unabweisbar seine Handschrift gewesen, er hätte nichts wiedererkannt und die Verfasserschaft abgestritten.

Sonntag, 9. August 2026

Miniaturen (13)

Er dachte darüber nach, ob vielleicht gar nicht so lächerlich sei, wie er sich vorkomme, kam dann aber zu dem Schluss, dass er es sehr wohl sei.
 
Er ärgerte sich über sich selbst, hatte aber gerade niemanden, dem er davon hätte erzählen können, als nur sich sich selbst, und auch das ärgerte ihn.
 
Er überlegte, warum sich so viele, wie man sagte, aus Verzweiflung umbrachten, aber keiner aus Wut, wo doch Wut, wie er fand, ein viel besserer Grund für ein Mord sei.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Vier neue Götter

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber de Leute kümmert es nicht. Sie haben zu viel zu tun, mit sich selbst und ihren Geschäften, da kann man auf irgendwelche Gerüchte von irgendwelchen neuen Göttern nichts geben. Was soll das auch bringen? Götter gibt es schon genug. Und was nützen einem die? Gewiss, man muss sie hin und wieder verehren, aber so richtig kann man nicht an sie glauben und verspricht sich auch nur wenig von ihnen.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, und die Leute strömen im Massen herbei, um ihn zu bestaunen. Noch wissen sie nichts über ihn und fühlen sich zu nichts verpflichtet, das ist aufregend. Dass ausgerechnet dieser hier das Heil bringen könnte, glauben sie zwar noch nicht, aber wer weiß, vielleicht macht er seine Sache unerwartet gut und rettet ihre Leben.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber keiner weiß davon.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber die alten Götter weigern sich zusammenzurücken, um ihm Platz zu machen. Sie seien ohnehin schon zu viele, da passe keiner mehr dazu. Was sie nicht wissen: Sie werden verschwinden und der neue Gott wird als einziger übrigbleiben.

Dienstag, 26. Mai 2026

Miniaturen (12)

Als der Vulkan ausbrach, fürchtete er sich nicht, sondern freute sich sehr darüber, derlei sozusagen am eigenen Leib erleben zu können. Er floh zwar mit den anderen, war aber weniger darum besorgt, sich in Sicherheit zu bringen, als vielmehr, möglichst viel von dem Ereignis mitzubekommen.
 
Schon beim ersten Verhör gab er zu, ein Feind der herrschenden Partei zu sein und redete sich um Kopf und Kragen. „Was haben wir mit euch zu schaffen“, sagte er laut und erregt, „ihr seid uns aufgezwungen worden, mit Waffengewalt, von einer fremden Macht, nicht durch irgendeine Revolution, schon gar nicht eine proletarische, sondern ...“ ― „Das genügt!“, schrie der Vernehmungsbeamte. Man packte ihn, schleppte ihn zurück in seine Zelle und verprügelte ihn.
 
Er war aus einem Land zurückgekehrt, in dem er lange gelebt und sich immer fremd gefühlt hatte, fühlte sich aber jetzt auch hier, in der sogenanntem alten Heimat, durchaus fremd.
 
Die Reise war kurz gewesen, und ebenso viele Tage, wie er unterwegs gewesen war, war er nun schon wieder zurück, und doch erschien ihm die Zeit dort viel länger als die Zeit hier.
 
Er hatte vorab beschlossen, sich während seines Aufenthaltes in fremder Gegend von nichts beeindrucken zu lassen, und war schließlich enttäuscht, wie leicht ihm das fiel.

Dienstag, 19. Mai 2026

Ein Traum eines alten Schriftstellers

Einem alten Schriftsteller träumte, ein junger Schriftsteller sei zu ihm gekommen und habe gesagt, ihm sei im Traum ein Engel erschienen und habe ihm gesagt, dass es auf Grund göttlichen Ratschlusses zu jeder Zeit nur eine begrenzte Anzahl guter und erfolgreicher Schriftsteller geben dürfe. „Fragen Sie mich nicht, warum“, sagte der junge Schriftsteller im Traum. „Ich habe es selbst nicht so recht verstanden. Irgendwas mit kosmischer Ordnung.“ Jedenfalls habe ihm der Engel mitgeteilt, so der junge Schriftsteller weiter, dass er, der junge Schriftsteller, nicht zu besagter Anzahl gehören werde, er, der alte Schriftsteller, hingegen schon. „Und nun habe ich eine ungeheure Bitte“, sagte der junge Schriftsteller. „Sie muss ihnen ungeheuerlich und unverschämt erscheinen, aber bitte hören Sie sich meine Bitte an. Sie ist mir unerhört wichtig. Wie Sie sich sodann entscheiden, entscheidet über mein Lebensglück.“ Und der junge Schriftsteller bat im Traum den alten Schriftsteller, er möge ihm seinen Platz unter den erfolgreichen Schriftstellern dieser Zeit abtreten. „Sie sind, mit Verlaub, in vorgerücktem Alter“, sagte der junge Schriftsteller. „Ihr Erfolg war bisher, mit Verlaub, mäßig. Aber Sie kamen doch, soweit ich weiß, ganz gut zu Recht. Sie sind, nehme ich an, mit Ihrem Texten zufrieden, sonst hätten Sie ja längst zu schreiben aufgehört. Wozu also brauchen Sie, wenn ich fragen darf, in Ihrem Alter noch Erfolg? Sie haben doch Zufriedenheit. Und nachdem, was man hört, und der Engel, der mir im Traum erschien, hat mir das auf Nachfrage bestätigt, sind Sie ein bescheidener Mensch. Mit wenigem zufrieden, dabei großzügig gegenüber anderen, frei von Eitelkeit und Neid, kurzum ein guter Mensch.“ Der junge Schriftsteller habe im Traum geseufzt. „Ich hingegen“, habe er gesagt, „ich bin von Ehrgeiz zerfressen, kann keinem gönnen, dass seine Texte mehr Aufmerksamkeit bekommen als ich, bin zänkisch, ungerecht, verstricke mich in unsinnige Argumentationen und werde schließlich noch ganz verbittert und wahrscheinlich sogar schreibunfähig enden, wenn ich nicht bald Erfolg habe. Wollen Sie das? Kann ein so herzensguter Mensch wie Sie das wollen? Sie sehen, es ist nicht ohne Grund und Berechtigung, wenn ich Sie um Ihren Platz unter den Erfolgreichen bitte, ich habe das nötig wie einen Bissen Brot.“ Der alte Schriftsteller habe im Traum etwas sagen wollen, aber der junge Schriftsteller habe hinzugesetzt: „Ich verpflichte mich selbstverständlich auf Ehrenwort, wenn ich erst erfolgreich bin und mir die öffentliche Aufmerksamkeit in reichem Maße zukommt, immer nur gut von Ihnen und Ihrem Werk zu sprechen, sodass Sie schließlich, wenn schon nicht Erfolg, denn das ist dann ja nicht mehr möglich, aber doch die Anerkennung von Kennern finden werden, die Ihnen gebührt. Das ist doch auch etwas.“ An dieser Stelle aber sei der alte Schriftsteller aufgewacht und habe nicht gewusst, wie er sich im Traum hätte entscheiden wollen.