Donnerstag, 17. September 2026

Miniaturen (18)

Er spielte lieber nach eigenen Regeln, als die der anderen zu erlernen.
 
Er betrog nie, er passt nur seine Regeln dem Spielverlauf an.
 
Er war nicht einverstanden mit solchen Regeln, die nur dazu dazu sein schienen, ihm das Gewinnen zu erschweren oder unmöglich zu machen.
 
Er fand, dass er eigentlich immer gewann, dass aber die andere schlechte Verlierer waren, die auf Regeln pochten, die für ihn gar nicht galten.

Mittwoch, 16. September 2026

Märchen (4)

Es war einmal ein Ritter, der war von den Bewohnern eines fernen Landstrichs zu Hilfe gerufen worden, weil ein Drache damit gedroht hatte, die ganze Gegend zu verwüsten und alle Menschen aufzufressen, wenn ihm nicht umgehend und dann wieder an jedem Monatsersten eine Jungfrau ausgeliefert werde. Die erste Jungfrau sei schon ausgeliefert worden, nun solle doch bitte der Ritter Abhilfe schaffen und den Drachen erschlagen. Der zu Hilfe gerufene Held machte sich also auf, traf den Drachen vor seine Höhle an, neben ihm eine junge Frau. „Ha, du Ungeheuer!“, rief der Ritter. „Du willst wohl gerade die Jungfrau verspeisen. Na, dir werd ich ...“ Der Drache unterbrach: „Also da muss ich gleich mal unterbrechen. Von wegen Jungfrau! Ich wurde hereingelegt. Schau dir diese kleine Schickse doch mal an, die hat schon so manchen drübergelassen.“ Dem Ritter stieg die Schamesröte ins Gesicht. Er hörte nicht gern von solchen Dingen, dazu war er zu keusch und rein. Die Situation überforderte ihn. Wenn der Drache die Wahrheit sagte und das Mädchen gar nicht fressen wollte, gab es auch keinen Grund, ihn auf der Stelle zu erschlagen. Der Ritter war ratlos. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er mit belegter Stimme. „Wir machen gar nichts“, antworte der Drache. „Die junge Dame hier kann sich nach Hause trollen, ich such mir eine andere Gegend, in der es vielleicht noch echte Jungfrauen gibt, und du machst, was du willst.“ Und so geschah es dann auch. Jeder ging seines Weges. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Die Hure als Hure, der Ritter als Ritter und der Drache als Drache.

Märchen (3)

Es war einmal ein Ritter, den der König eines fernen Landes zu Hilfe gerufen hatte, weil ein böser Drache gedroht hatte, die ganze Gegend zu verwüsten und alle Menschen aufzufressen, wenn ihm nicht des Königs Tochter ausgeliefert werde. Der verängstigte Vater versprach dem Ritter, wenn er die Prinzessin rette, werde er sie zur Frau bekommen und das halbe Königreich noch dazu. Der Ritter machte sich also auf zu der Stelle, wo man die Königstochter festgebunden hatte, damit der Drache sie holen konnte. Und tatsächlich, das Untier saß schon da neben der hysterisch kreischenden Jungfrau. Der Ritter verliebte sich sofort Hals über Kopf in den wunderschönen Drachen, der seinerseits an dem schmucken jungen Ritter Gefallen zu finden schien. Also ließen sie die Prinzessin Prinzessin sein und machten sich auf und davon. Der König aber musste seine Tochter behalten und das ganze Königreich noch dazu.

Märchen (2)

Es war einmal ein Ritter, der wollte ein Drachen erschlagen und sich so einen Namen machen. Also ritt er in den tiefen, riefen Wald hinein, in dem, wie man ihm gesagt hatte, ein Drache hauste. Und tatsächlich gelangte er schließlich zu einer Höhle, die ganz nach einer Drachenhöhle aussah. Der Ritter setzte sich auf seinem Pferde zurecht und legte die Lanze ein. „Komm heraus, du Untier!“, rief er. Nichts geschah. Noch zweimal wiederholte er seine Aufforderung , zunehmen ungehalten darüber, dass er womöglich den ganzen Ritt umsonst gemacht hatte. Da hörte er plötzlich ein Husten aus der Höhle. Und dann humpelte ein mickriger, völlig verschrumpelter Drache heraus, nicht viel größer als eine Katze. „Was!“, rief der Ritter. „Du willst ein das fürchterliche Ungeheuer sein, das die ganze Umgegend in Angst und Schrecken versetzt?“ Der Drache krächzte etwas, bekam aber sofort einen schlimmen Hustenanfall. Dabei schoß ab und zu eine Flamme aus seinem Maul, nicht größer als die eines erlöschenden Streichholzes. „Pass doch auf“, sagte der Ritter streng. „Du verbrennst sonst meinem Pferde noch nicht Hufe.“ Der Drache stand da und glotze den Ritter mit verschwollenen Augen an. „Ach du liebe Zeit“, dachte der Ritter. „Diese kleine Kröte da kann ich nicht erschlagen. Ich habe doch einen Ruf zu verlieren. An so etwas Unbedeutendem, das gleich an Altersschwäche krepiert, mache ich mir doch nicht die Hände schmutzig. Das wäre ja lächerlich. Wenn jemand davon erfährt, werde ich zum Gespött des ganzen Hofes.“ Also wendete der Ritter, ritt davon und aus dem Wald hinaus. Und als er gefragt wurde, wo er gewesen sei, antwortete, man habe ihm über mitgespielt, in dem Wald hause gar kein Drache, er sei ganz umsonst zu einer seiner berühmten Heldentaten aufgebrochen.

Donnerstag, 10. September 2026

Miniaturen (17)

Er war durchaus damit einverstanden, dass er nur auf den Papier stand und nicht aus Fleisch und Blut war.
 
Er begrüßte es sehr, mit der Hand geschrieben worden zu sein und nicht bloß in eine Taststatur getippt und rechnerisch auf einem Bildschirm erzeugt. 
 
Er hatte überhaupt keine Einwände dagegen, umgeschrieben und wieder umgeschrieben zu werden, im Gegenteil, er fand, dass ihm das erst seinen eigentümlich Charakter verlieh.
 
Er hätte es allerdings nicht gern gesehen, ganz gestrichen zu werden. Aber wie hätte er sich, falls es dazu käme, darüber beschweren können?

Dienstag, 8. September 2026

Märchen (1)

Es war einmal ein Ritter, der auszog, um einen Drachen zu erschlagen. Niemand hatte ihn damit beauftragt, und er tat es auch nicht, um sich einen Namen zu machen, sondern er hatte bloß gehört, der Drache sei ein unausstehliches Mitvieh und terrorisiere die ganze Gegend. Und dazu sind Ritter schließlich da, nicht wahr, dass sie die Menschen von Drachen befreien, die ihnen auf die eine oder andere Weise lästig sind. Man konnte nun nicht gerade sagen, der Ritter habe wahnsinnig viel Erfahrung mit dem Erschlagen von Drachen gehabt. Man hätte eher sagen können, dass es sein erstes Mal werden sollte. Der Ritter war also verständlicherweise ein wenig aufgeregt. Man hätte auch sagen können, ihm ging der Arsch auf Grundeis. Als er so in den dunklen Wald hineinritt, in dem sich die Höhle des Untiers befinden sollte, hätte man nicht sagen können, ob es seine Rüstung sei, die laut klapperte, oder seine Zähne. Jedenfalls kam der Ritter schließlich bei der Höhle an. Er nahm Aufstellung nach allen Regeln der ritterlichen Kunst, richtete die Lanze auf den Höhleneingang und rief mit belegter Stimme: „Komm heraus, du unausstehliches Mistvieh!“ Er wartete in höchster Erregung. Nichts geschah. „Komm heraus, Drache!“ Nichts. Gar nichts. Da stieg der Ritter vom Pferd, nahm allen seinen Mut zusammen, viel war es ja nicht, und ging in die Höhle hinein. Sie war leer. Der Ritter seufzte erleichtert. Er war aber auch enttäuscht. Und verwirrt. Er wusste nicht, was nun zu tun war. Der Ritter verließ die Höhle wieder, lehnte seine Lanze an einen Baum und setzte sich auf einen Felsbrocken, um in Ruhe nachzudenken. Sein Pferd, sich selbst überlassen, graste derweil in einiger Entfernung, als ginge es das alles nichts an. Tat es ja eigentlich auch nicht. Bei so einen Kampf mit einem Drachen konnte es zwar draufgehen, aber wenn der Drache erfolgreich erschlagen wurde, hatte es auch nichts davon. Der Ritter überlegte. Irgendwann würde der Drache wohl wiederkommen. Ihn in der Höhle zu erwarten, wäre dumm, da hätte der Drache, möglicher Überraschung zum Trotz, einen Vorteil. Ebenso, wenn der Ritter vor der Höhle auf ihn wartete, da sähe ihn der Drache nämlich schon aus einiger Entfernung. War es überhaupt ein fliegender oder ein kriechende Drache? Der Ritter wusste es nicht. Sich im Wald zu verbergen und darauf zu lauern, dass der Drache käme, kam dem Ritter irgendwie eines Ritters unwürdig vor. Und überhaupt, wie lange sollte er warten? Stunden? Tage? Er hatte nichts zu essen und zu trinken dabei. Was, wenn er vor Müdigkeit einschliefe? Wenn es dunkel würde? Im Finstern gegen einen Drachen zu kämpfen, ob der nun Feuer zu speien vermochte oder nicht, wäre wirklich dumm, fand der Ritter. Er war unzufrieden. Seine Angst war verflogen und einem gewissen Ärger gewichen. Das Ganze war ein blöder Einfall gewesen. Er hatte sich da auf bloßes Hörensagen hin auf irgendetwas eingelassen und sich schlecht vorbereitet. So ging das nicht. Am besten, beschloss der Ritter, er beendete die Sache jetzt. Also stieg er auf sein Pferd und ritt dorthin zurück, wo er hergekommen war. Unterwegs überlegte er, was er den Leuten erzählen solle. Aber was ging denn die Leute sein Kampf mit dem Drachen überhaupt an?

Freitag, 28. August 2026

Miniaturen (16)

Er war nicht recht bei der Sache und stellte später fest, dass es gar keine Sache mehr gab.

Er gefiel sich darin, ein Fachmann zu sein, was aber nur bedeutete, dass er in einem bestimmten Bereich etwas weniger unwissend war als in allen anderen.

Er verstand sich gut auf etwas, wusste das aber nicht und hatte darum nichts davon.

Er verlegte sich auf etwas, von dem er nicht einmal ansatzweise begriff, was es war.

Er kümmerte sich mit Vorliebe um dinge, die ihn nichts angingen, und und vernachlässigte, was eigentlich seine Aufgabe gewesen würen.

Er fühlte sich dazu berufen, einer Berufung nachzugehen, hatte sich aber noch nicht dafür so recht entscheiden können, welche das sein sollte.

Er nah es auf sich, alles zu unterlassen, was er nicht tun wollte.

Er arbeitete sich unermüdlich daran ab, die für ihn geeignete Beschäftigung nicht zu finden.