Mittwoch, 18. Februar 2026

Blumfeld (25)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, ging so seines Weges, als ihm diesen plötzlich ein Polizist vertrat und ihn anherrschte: „Weitergehen! Hier gibt’s nichts zu sehen!“ Blumfeld erwiderte: „Aber ich will ja weitergehen. Nur sind Sie mir dabei im Wege.“ Der Polizist stutzte. Dann schrie er: „Keinen Schritt weiter! Hier findet eine Amtshandlung statt! Wagen Sie es ja nicht, sie zu behindern!“ Blumfeld versuchte etwas. „Lassen Sie mich durch“, sagte er. „Ich bin Poet.“ Aber die Amtsperson zuckte nur mit den Schultern. „Nun gut“, sagte Blumfeld, „dann eben so: Lassen Sie mich durch, ich bin Prophet. Das Ende ist nahe!“ Aber auch darauf reagierte die Amtsperson nur mit Schulterzucken. Blumfeld seufzte, holte einen Ausweis hervor und hielt ihn dem Polizisten unter die Nase. Der las, stand ruckartig stramm, salutierte und brüllte: „Zu Befehl, Herr Hofrat!“ Dann ließ er Blumfeld vorbei. Der musste sich kurz darauf im Kaffeehaus einiges von Professor Blomquist anhören. „Wie konnten Sie nur!“, regte der Professor sich auf sich auf, „Sich mit einem gefälschten Ausweis gegenüber einer Amtsperson als Amtsperson ausgeben! Die Staatsmacht imitieren, um die Staatsmacht zu manipulieren! Und Sie wollen ein Anarchist sein?“ Blumfeld erwiderte ruhig: „Aber der Ausweis ist doch nicht gefälscht. Er ist völlig echt, ich habe ihn eigenhändig ausgestellt. Wer sagt dann, dass nur eine Behörde Ausweise ausstellen darf? Und wer dürfte das sagen? Zudem sind alle Angaben darin richtig. Schauen Sie, hier gibt es die Rubrik Name, und tatsächlich steht da ein Name: Dagobert von Dobromyschl. Und hier, unter Titel, steht auch wirklich ein Titel: Hofrat. Dass das mein Name ist und mein Titel, wird ja nirgends behauptet.“ Professor Blomquist gab nicht auf: „Und das Lichtbild?“ Blumfeld lehnte sich zurück: „Was ist damit? Darf ich keine Photographie von mir herzeigen? Darf ich sie nicht auf ein Stück Karton kleben? Nie habe ich behauptet, es handle sich um das Konterfei von jemandem namens Dagobert von Dobrobromyschl.“ Der Professor wurde ruhiger, brachte aber doch noch vor: „Der Stempel mit dem Wappen, der ist allerdings gefälscht, oder?“ Blumfeld schüttelt den Kopf. „Keineswegs. Schauen Sie her: ein gerupftes Huhn mit zwei Köpfen. Darauf ein Brustschild mit dem Osterhasen. Kaum zu erkennen, aber präzise geschnitten. Wollen Sie eine Lupe?“ Professor Blomquist winkte ab. „Und doch bleibt es dabei, Sie haben absichtlich einen falschen Eindruck erweckt. Dass ist dasselbe wie eine Lüge.“ Blumfeld bedeutete dem gerade vorbeigehenden Kellner, dass er gern noch ein Kännchen Assam-Tees hätte, und sagte dann zum Professor: „Ach, wissen Sie was: Ich habe getan, was nötig war. Wenn es nicht im Guten geht … Sagen Sie mir: Wessen Amtshandlung war es denn? Doch nicht meine, sondern die der Polizei. Gebt also den Bütteln, was der Bütteln ist, und dem freien Menschen, was des freien Menschen ist.“ Damit war die Sache für ihn erledigt 

Montag, 16. Februar 2026

Blumfeld (24)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, saß im Park auf einer Bank und schaute schon eine ganze Weile zwei Männern zu, die auf steinernen Sitzen an einem dieser steinernen Tischchen saßen, in deren Tafel aus schwarzen und weißen Plättchen ein schwarzweißes Muster eingelegt war, und die dort mit mitgebrachten Figuren Schach spielten. Blumfeld schaute so beiläufig zu, dass er auf die Spielzüge nicht achtete. Ohnehin verstand er kaum etwas von Schach. Aber dann kam ihm plötzlich etwas sonderbar vor. Blumfeld stand auf, ging zu einer anderen, den Spielern etwas näheren Parkbank, setzte sich und sah: Die Spielfiguren waren gar keine Schachfiguren. Er sah ein Porzellanpüppchen, eine Streichholzschachtel, zwei verschiedene kleine Dinosaurier, eine leere hölzerne Garnspindel, eine Walnuss, einen Kerzenstummel, und das da, ja, das war ein angebissener Schokoriegel. Noch ein gutes Dutzend weiterer kleiner Dinge stand auf dem Brett. Diese merkwürdigen Figuren waren offensichtlich keinem der beiden Spieler fest zugeordnet, sondern mal bewegte der eine die Garnrolle, den Kerzenstummel oder einen der Dinosaurier, mal der andere. Auch folgte nicht ein Spielzug des einen einem Spielzug des anderen, sondern manchmal machte ein Spiel zwei, drei Züge hintereinander. Dazwischen lagen unterschiedlich lange Pausen. Was geschah, schien unvorhersehbar. Aber trotzdem machte nichts von alledem den Eindruck des Zufälligen. Es schien den beiden Spielern zudem sehr ernst zu sein mit ihrem Spiel, sie wirkten hochkonzentriert und hoben den Blick nicht vom Brett. Blumfeld schaute noch eine ganze Weile zu, verstand aber überhaupt nichts. Wenn es Regeln gab, waren sie für ihn unerkennbar. Das gefiel ihm. So ein Spiel hätte er auch gern einmal gespielt. Ob man dafür nur zu zweit sein durfte?

Sonntag, 15. Februar 2026

Blumfeld (23)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, erzählte einen Witz, und alle lachten. Anderntags sagte Professor Blomquist im Kaffeehaus zu ihm: „Sehen Sie, das meine ich. Nichterzählen durch Erzählen. Es wird zwar etwas erzählt, aber so, dass Wesentliches fehlt, dass nicht gesagt wird, worum es eigentlich geht. ‘Blumfeld erzählte einen Witz, und alle lachten.’ Welchen Witz? Worum ging es darin, was war die Pointe? Wer sind ‘alle“. Und wer, mit Verlaub, ist eigentlich dieser Herr ‘Blumfeld’? Erzählen, um nicht zu erzählen. Es hätte doch fast ebenso gut heißen können: ‘ Blomquist erzählte einen Witz, und niemand lachte.’ Welchen Witz? Warum lachte niemand? Und wer ist ‘Blomquist?“ Blumfeld hatte Blomquist schweigend zugehört und nickte jetzt zustimmend. Ob er aber das Gesagte wirklich verstanden hatte, musste dahingestellt bleiben.

Samstag, 14. Februar 2026

Der Lagunenlauscher

Abends ging ich gern über die Piazetta dorthin, wo man früher anlandete und heute über Nacht Boote vertäut sind. Ans Wasser also. Dort sprach die Lagune zu mir. Wahrscheinlich erzählte sie vom Tage und was sie von alledem, was sich ereignet hatte, so hielt. Oft war sie aufgeregt, sogar wütend, immerzu schmatzte sie und die Bäuche der Gondeln klatschten aufs Wasser. Manchmal schien die Lagune mich anspritzen zu wollen, damit ich nass würde wie sie. Sie sprach und ich hörte zu. Ich verstand sie nicht und weiß nicht, ob sie mich hasste oder liebte oder ich ihr als Zeuge ihre unausgesetzten Rede ganz gleichgültig war. Ich aber bildete mir ein, immerhin der einzige zu sein, der ihr zuhörte und der sie, auch wenn er nichts verstand, besser verstand als jeder andere. Nach einer Weile verabschiedete ich mich und machte mich auf den Heimwegs ins Hotel. 

Donnerstag, 12. Februar 2026

Blumfeld (22)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, war seit vielen Jahren Mitglied eines Vereins. Er dachte selten daran und wusste auch nicht mehr, warum eigentlich. Er hatte den Vereinszweck vergessen und konnte sich auch an den Namen des Vereins nicht mehr erinnern. Irgendwo musste er Unterlagen dazu haben, denn er zahlte jedes Jahr seinen Beitrag, und der war hoch genug, aber wenn er darüber nachdachte, hatte er nie Lust, nach den Belegen zu suchen. Ab und zu erhielt Blumfeld Einladungen zu irgendwelchen Veranstaltungen des Vereins, die er nie besuchte, aber auch regelmäßig eine Einladung zur Generalversammlung, und an einer solchen teilzunehmen, fühlte sich Blumfeld als zahlendes und satzungstreues Mitglied verpflichtet. Er prägte sich Tag und Stunde ein, den Ort wusste er ohnehin, es war das Kaffeehaus, das fast täglich besuchte, und auch den Vereinsnamen merkte er sich. Aus dem ging der Vereinszweck deutlich hervor, und Blumfeld staunte ein wenig, aber es hatte wohl schon seine Richtigkeit damit. Anderntags hatte er den Namen des Vereins schon wieder vergessen. Zur Generalversammlung ging er dann selbstverständlich trotzdem. Als Blumfeld ankam, waren im Hinterzimmer des Kaffeehauses schon einige Leute versammelt. Er begrüßte jeden recht freundlich, erkannte aber niemanden. Er nahm Platz. Die Sitzung wurde nach einer Weile von einem älteren Herrn eröffnet, wohl dem Vorsitzenden, der die Teilnehmer begrüßte und die Tagesordnung verlas. Blumfeld folgte den Berichten, Anträgen und Debatten sehr aufmerksam. Und wenn es etwas abzustimmen gab, hob er nach reiflicher Überlegung mal die Hand für etwas oder gegen etwas. Das ging so etwa anderthalb Stunden. Zum Schluss wurde stehend eine Hymne gesungen, aber Blumfeld, der ohnehin nicht gerne sang, kannte weder Worte noch Weise und bewegte nur vorsichtig die Lippen. Dann war die Sitzung zu Ende. Einige Teilnehmer gingen, manche standen noch in Grüppchen zusammen. Blumfeld ging, er kannte ja hier niemanden und hätte nicht gewusst, worüber er mit diesen Leuten hätte reden sollen. Was beschlossen worden war, verstand er im Grunde nicht, es war ihm auch gleichgültig und er hatte es wohl auch bereits vergessen. Aber während er dann durch die abendlichen Gassen der Golden Stadt nach Hause ging, freute er sich schon auf die nächste Generalversammlung.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Miniaturen (9)

Er hielt nicht allzu viel von sich selbst.
 
Er misstraute sich selbst, aber mehr aus Gewohnheit als aus Erfahrung.
 
Seine eigene Meinung galt ihm nichts, bis er sich vergewissern konnte, dass es auch die Meinung anderer war.
 
Er war überzeugt, alle seine Fehler zu kennen, und hielt seine vermeintlichen Vorzüge für bloße Missverständnisse. 
 
Manchmal war er überzeugt, dass niemand bescheidener sei als er.
 
Es war ihm sehr darum zu tun, jede Eitelkeit zu vermeiden.
 
Er strebte auf vielfältige Weise und großem Aufwand nach Einfachheit.
 
Sorgfältig achtete er darauf, sich nicht in Details zu verlieren. 
 
Er bestand darauf, dass es mehr auf Fragen ankomme als auf Antworten.
 
Er verabscheute Dogmen. Daran ließ er keinen Zweifel.

Mittwoch, 4. Februar 2026

Miniaturen (8)

Er wollte diese Frau, die er nicht kannte oder eben erst kennengelernt hatte, unbedingt ficken. Nicht wegen des Genusses, sondern der Befriedigung halber, sie gehabt zu haben. Er war versessen darauf, sein Ziel zu erreichen. Er würde draufgängerisch sein, wenn er meinte, dass sie erobert werden wollte, zärtlich, schmeichlerisch, einfühlsam, wenn er meinte, dass sie verführt werden wollte. Niemals, außer vielleicht in ungewohnter Wut, würde er vergewaltigen. Er wollte, dass das jeweilige Mädel (er nannte alle jungen Frauen Mädels) gerade von ihm genommen werden wollte. Die Frau brauchte ihn nicht zu begehren, nicht zu mögen, nicht zu verstehen, sie sollte ihn nur drüberlassen. Das genügte ihm. Je mehr Mädels er gefickt hatte, desto männlicher fühlte er sich. An den Mädels selbst lag ihm nichts oder nicht viel. Im Grunde verachtete er sie, weil sie für ihn die Beine breitgemacht hatten. Er begehrte sie, aber nur, weil sie gefickt werden konnten, weil sie das waren, was man eben so fickte. Sie zu begehren, von der Idee, sie zu ficken, erregt zu sein, war die Voraussetzung des Fickenkönnens. Ohne Geilheit kein Ständer. Männer zu ficken, hätte ihm hingegen nichts gebracht. Männerkörper interessierten ihn nicht, sie zu ficken, hätte nicht gezählt. Männer waren bloß der Bezugsrahmen seiner Erfolge. Es erregte ihn, wenn er der erste war, der ein Mädel fickte, wenn er also allen anderen zuvorgekommen war. Und es erregte ihn, wenn er wusste, dass schon einige oder sogar viele über das Mädel drübergestiegen waren, dass er sozusagen in ein Fotze voller fremden Spermas hineinfickte. Immerhin war jetzt er es, der hier gleich abspritzen würde, und kein anderer.