Donnerstag, 4. Juni 2026

Vier neue Götter

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber de Leute kümmert es nicht. Sie haben zu viel zu tun, mit sich selbst und ihren Geschäften, da kann man auf irgendwelche Gerüchte von irgendwelchen neuen Göttern nichts geben. Was soll das auch bringen? Götter gibt es schon genug. Und was nützen einem die? Gewiss, man muss sie hin und wieder verehren, aber so richtig kann man nicht an sie glauben und verspricht sich auch nur wenig von ihnen.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, und die Leute strömen im Massen herbei, um ihn zu bestaunen. Noch wissen sie nichts über ihn und fühlen sich zu nichts verpflichtet, das ist aufregend. Dass ausgerechnet dieser hier das Heil bringen könnte, glauben sie zwar noch nicht, aber wer weiß, vielleicht macht er seine Sache unerwartet gut und rettet ihre Leben.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber keiner weiß davon.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber die alten Götter weigern sich zusammenzurücken, um ihm Platz zu machen. Sie seien ohnehin schon zu viele, da passe keiner mehr dazu. Was sie nicht wissen: Sie werden verschwinden und der neue Gott wird als einziger übrigbleiben.

Dienstag, 26. Mai 2026

Miniaturen (12)

Als der Vulkan ausbrach, fürchtete er sich nicht, sondern freute sich sehr darüber, derlei sozusagen am eigenen Leib erleben zu können. Er floh zwar mit den anderen, war aber weniger darum besorgt, sich in Sicherheit zu bringen, als vielmehr, möglichst viel von dem Ereignis mitzubekommen.
 
Schon beim ersten Verhör gab er zu, ein Feind der herrschenden Partei zu sein und redete sich um Kopf und Kragen. „Was haben wir mit euch zu schaffen“, sagte er laut und erregt, „ihr seid uns aufgezwungen worden, mit Waffengewalt, von einer fremden Macht, nicht durch irgendeine Revolution, schon gar nicht eine proletarische, sondern ...“ ― „Das genügt!“, schrie der Vernehmungsbeamte. Man packte ihn, schleppte ihn zurück in seine Zelle und verprügelte ihn.
 
Er war aus einem Land zurückgekehrt, in dem er lange gelebt und sich immer fremd gefühlt hatte, fühlte sich aber jetzt auch hier, in der sogenanntem alten Heimat, durchaus fremd.
 
Die Reise war kurz gewesen, und ebenso viele Tage, wie er unterwegs gewesen war, war er nun schon wieder zurück, und doch erschien ihm die Zeit dort viel länger als die Zeit hier.
 
Er hatte vorab beschlossen, sich während seines Aufenthaltes in fremder Gegend von nichts beeindrucken zu lassen, und war schließlich enttäuscht, wie leicht ihm das fiel.

Dienstag, 19. Mai 2026

Ein Traum eines alten Schriftstellers

Einem alten Schriftsteller träumte, ein junger Schriftsteller sei zu ihm gekommen und habe gesagt, ihm sei im Traum ein Engel erschienen und habe ihm gesagt, dass es auf Grund göttlichen Ratschlusses zu jeder Zeit nur eine begrenzte Anzahl guter und erfolgreicher Schriftsteller geben dürfe. „Fragen Sie mich nicht, warum“, sagte der junge Schriftsteller im Traum. „Ich habe es selbst nicht so recht verstanden. Irgendwas mit kosmischer Ordnung.“ Jedenfalls habe ihm der Engel mitgeteilt, so der junge Schriftsteller weiter, dass er, der junge Schriftsteller, nicht zu besagter Anzahl gehören werde, er, der alte Schriftsteller, hingegen schon. „Und nun habe ich eine ungeheure Bitte“, sagte der junge Schriftsteller. „Sie muss ihnen ungeheuerlich und unverschämt erscheinen, aber bitte hören Sie sich meine Bitte an. Sie ist mir unerhört wichtig. Wie Sie sich sodann entscheiden, entscheidet über mein Lebensglück.“ Und der junge Schriftsteller bat im Traum den alten Schriftsteller, er möge ihm seinen Platz unter den erfolgreichen Schriftstellern dieser Zeit abtreten. „Sie sind, mit Verlaub, in vorgerücktem Alter“, sagte der junge Schriftsteller. „Ihr Erfolg war bisher, mit Verlaub, mäßig. Aber Sie kamen doch, soweit ich weiß, ganz gut zu Recht. Sie sind, nehme ich an, mit Ihrem Texten zufrieden, sonst hätten Sie ja längst zu schreiben aufgehört. Wozu also brauchen Sie, wenn ich fragen darf, in Ihrem Alter noch Erfolg? Sie haben doch Zufriedenheit. Und nachdem, was man hört, und der Engel, der mir im Traum erschien, hat mir das auf Nachfrage bestätigt, sind Sie ein bescheidener Mensch. Mit wenigem zufrieden, dabei großzügig gegenüber anderen, frei von Eitelkeit und Neid, kurzum ein guter Mensch.“ Der junge Schriftsteller habe im Traum geseufzt. „Ich hingegen“, habe er gesagt, „ich bin von Ehrgeiz zerfressen, kann keinem gönnen, dass seine Texte mehr Aufmerksamkeit bekommen als ich, bin zänkisch, ungerecht, verstricke mich in unsinnige Argumentationen und werde schließlich noch ganz verbittert und wahrscheinlich sogar schreibunfähig enden, wenn ich nicht bald Erfolg habe. Wollen Sie das? Kann ein so herzensguter Mensch wie Sie das wollen? Sie sehen, es ist nicht ohne Grund und Berechtigung, wenn ich Sie um Ihren Platz unter den Erfolgreichen bitte, ich habe das nötig wie einen Bissen Brot.“ Der alte Schriftsteller habe im Traum etwas sagen wollen, aber der junge Schriftsteller habe hinzugesetzt: „Ich verpflichte mich selbstverständlich auf Ehrenwort, wenn ich erst erfolgreich bin und mir die öffentliche Aufmerksamkeit in reichem Maße zukommt, immer nur gut von Ihnen und Ihrem Werk zu sprechen, sodass Sie schließlich, wenn schon nicht Erfolg, denn das ist dann ja nicht mehr möglich, aber doch die Anerkennung von Kennern finden werden, die Ihnen gebührt. Das ist doch auch etwas.“ An dieser Stelle aber sei der alte Schriftsteller aufgewacht und habe nicht gewusst, wie er sich im Traum hätte entscheiden wollen.

Samstag, 16. Mai 2026

Blumfeld (26)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, war sehr erleichtert, dass er seine alte Bedienerin endlich losgeworden war. Schon seit langem hatte er es mit der Nechvatal kaum noch auszuhalten. Immer schon war sie einfältig, neugierig, klatschsüchtig gewesen, zudem unzuverlässig und unsauber, in letzter Zeit auch noch zänkisch und geradezu bösartig. Blumfeld hatte immer mehr befürchten müssen, dass sie irgendetwas über ihn herausbekommen oder, auch nicht besser, erfinden und dann herumtratschen könnte. Nicht, dass Blumfeld sich um seinen Ruf sorgte, aber es hätte ihm gar nicht gefallen, die Aufmerksamkeit der Obrigkeit zu erregen. Nun, seit er der Nechvatal gekündigt hatte, war die Gefahr bestimmt nicht geringer geworden, dass sie hinter seinem Rücken allerhand Gerüchte streute, aber Blumfeld versuchte, nicht daran zu denken, und hoffte, die klügeren Leute würden derlei einfach für das rachsüchtiges Geschwätz einer Einfältigen halten, das es ja auch war. Mit seiner neuen Bedienerin, für die sich Blumfeld erst einen Namen ausdenken musste, war er jedenfalls sehr zufrieden. Still und in sich gekehrt, fleißig und umsichtig, sorgfältig und tatkräftig, erledigte sie in kürzerer Zeit weit mehr als die Nechvatal, kam aber öfter, musste weniger beaufsichtigt werden, wusch nicht nur auf und staubte ab, sie kümmerte sich auch um die Wäsche und ab und zu kochte, briet oder buk sie sogar nebenher kleine Leckereien. Blumfeld war’s zufrieden.

Donnerstag, 16. April 2026

Miniaturen (11)

Er kannte seine Grenzen durchaus und überschritt sie, beherzt, aber nicht rücksichtslos.
 
Er wollte jemand sein, den ihm niemand zutraute. Doch als er es geworden war, musste er feststellen, dass er niemanden interessierte.
 
Er wollte niemandem überlegen sein, nicht einmal sich selbst. Oder nur ein bisschen.
 
Er warf sich vor, sich zu wenig für das zu interessieren, was andere machten. Was er machte, interessierte andere überhaupt nicht.
 
Er verschwendete sich. Aber nur so konnte er wenigstens ein bisschen was zu Stande bringen

Montag, 6. April 2026

Der Leser des Schriftstellers des Lesers

Der Leser ist nicht wie der Schriftsteller, der Schriftsteller ist ihm fremd, er kennt ihn nicht nur nicht, er wird ihn auch niemals kennenlernen, jedenfalls nicht aus seinen Texten. Jede Vorstellung, die der Leser sich vom Schriftsteller macht, ist falsch, und selbst wenn sie richtig wäre, würde er es nie wissen, darum ist eher anzunehmen, dass sie falsch ist. Der Leser ist anders als der Schriftsteller, dieser ist nicht von seiner Art, er ist eigenartig, andersartig, er hat womöglich Charakterzüge, Lebensgewohnheiten, Existenzgrundlagen, die nicht die des Lesers sind, seine Erfahrungen, seine Wünsche und Ängste sind dem Leser unbekannt, aber kennte er sie, wären sie ihm fremd und unverständlich, sie stießen ihn ab, sofern sie ihn nicht völlig gleichgültig ließen.
Darum sind dem Leser auch die Texte des Schriftstellers fremd und unverständlich. Sie sind ihm ein Rätsel. Er versteht nicht, warum und wozu sie geschrieben wurden, weshalb sie so geschrieben wurden, wie sie geschrieben wurden. Der Leser begreift nicht, worum es in den Texten des Schriftstellers geht, ja nicht einmal, ob es darin überhaupt um irgendetwas geht. Er kann die Handlung nicht nachvollziehen, sei es, dass sie zu verwickelt und unübersichtlich ist oder dass sie unzureichend oder unvollständig dargestellt wird, oder sei es, dass es gar keine richtige Handlung gibt. Anscheinend wird in den Texten des Schriftstellers irgendwas erzählt, aber was? Das ist nicht herauszubekommen. Von irgendwelchen Leuten ist die Rede, aber wer sind sie?
Der Leser findet die Figuren in den Texten des Schriftstellers völlig unanschaulich. Sie tragen bizarre Namen oder völlig banale oder gar keine, aber sie keine Gesichter, keine Umrisse, kein erkennbares, gleichbleibendes, gut einschätzbares Innenleben, keine andere Geschichte. als die, die da steht. Der Leser kann sich mit den Figuren in den Texten des Schriftstellers nicht identifizieren. Das will er aber, das ist er gewohnt, darauf hat er doch ein Anrecht. Der Schriftsteller soll schreiben, was der Leser kennt oder zu kennen meint oder kennenlernen will. Der Schriftsteller schreibt aber anderes. Der Leser will nicht, was der Schriftsteller schreibt. Er will es nicht deshalb nicht, weil es rätselhaft ist, denn Rätsel kann man lösen, sondern er will es nicht, weil es nichts mit ihm zu tun hat, weil es irgendwie gegen ihn gerichtet ist, sich ihm nicht andient, ihn zu irgendetwas herauszufordern scheint, statt ihm zu erlauben, sich zu versenken, sich zu zerstreuen, sich unverbindlich zu identifizieren und vom eigenen Leben vorübergehend abzulenken. Der Leser verachtet die Ansprüche des Schriftstellers, die weltfremd sind und überzogen und hochnäsig, die nichts mit dem Leser zu zu haben. Der Leser will lesen, was er will, nicht, was der Schriftsteller schreibt, weil er will, dass der Leser es liest.Der Leser hält nichts vom Schriftsteller, und seinen unmöglichen Texten, und hat völlig Recht.

Sonntag, 5. April 2026

Irgendein Schriftsteller

Ein Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, somit nicht unbedingt der Schriftsteller, der dies hier geschrieben hat, vielleicht aber doch, irgendein Schriftsteller, kein bestimmter, sozusagen ein beliebiger, aber doch immerhin einer, von dem das gesagt werden kann, was gesagt worden sein wird, irgendein Schriftsteller also saß in einem Kaffeehaus, irgendwo, an keinem bestimmten Ort, in irgendeiner Stadt freilich, in der es halbwegs gute Kaffeehäuser gibt, dort also saß in irgendeinem Kaffeehaus irgendein Schriftsteller, trank Tee, las und schrieb.
Dazusitzen, Tee zu trinken, zu lesen und zu schreiben, war nicht nur sein Beruf, sondern eine Lebensweise. Es war die Weise, wie er seinen Beruf, der ein Gutteil seines Leben ausmachte, der sozusagen sein Lebensinhalt war, auszuüben pflegte, jedenfalls den Teil, der aus Schreiben, Nachdenken, Lesen und Teetrinken bestand. Zugegebenermaßen ist zum Teetrinken, Lesen, Schreiben und erst recht zum Nachdenken ein Kaffeehaus nicht unbedingt nötig, das hätte er auch zu Hause oder anderswo erledigen können und tat es ja auch, öfter sogar, als im Kaffeehaus. Aber das Kaffeehaus war eine angenehme Zutat. Dort war er eben gerade nicht zu Hause, war nicht nicht, wie er es nannte, in seinem Gehäuse, sondern irgendwie im Fremden und Freien, also zwar drinnen, aber doch draußen, an einem wohlvertrauten Ort, sogar dann, wenn er irgendein Kaffeehaus zum ersten Mal besuchte, der freilich fremden Leuten gehörte, von fremden Leuten betrieben und besucht wurde. Man kümmerte sich dort nur so viel um ihn, als nötig war, ansonsten ließ man ihn in Ruhe, ohne dass er deshalb allein gewesen wäre, selbst wenn die anderen Gäste nicht zahlreich waren, es gab immer Bewegung, Kommen und Gehen, Sprechen und Flüstern, Rascheln und Rumpeln, Klimpern und Zischen. Das Kaffeehaus war ein Ort, wo er für sich sein konnte und doch unter Leuten war.
Das war ein guter Ort um nachzudenken, um ein mitgebrachtes Buch zu lesen und um sich Notizen zu machen. Man könnte sagen, der Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, fand die Umgebung anregend. Unwillkürlich beobachte er dies und das, legte es aber nie darauf an, und was er schrieb, hatte fast nie das zum Gegenstand, was er im Kaffeehaus wahrnahm. Niemals las er die ausgelegten Zeitungen oder Zeitschriften, immer hatte er ein zwei Bücher dabei. Manchmal eines, das er von Zuhause mitgebracht hatte, um im Kaffeehaus etwas zu lesen zu haben, und dann ein zweites, dass er auf dem weg ins Kaffeehaus gekauft hatte, in irgendeiner Buchhandlung oder einem Antiquariat. Es konnten selbstverständlich auch drei oder mehr Bücher sein, die er mit sich führte. Davon lag dann aber immer nur eines auf dem kleinen Tisch vor ihm. Es wäre ihm lächerlich erschienen, alle Bücher vor sich aufzustapeln, angeberisch, als sei er irgendein Schriftsteller, der das Kaffeehaus in sein Gehäuse verwandle, in seine Schreibstube. Ihm lag und stand ohnehin schon fast zu viel auf dem Tisch: das Teegeschirr, das Federmäppchen, das Notizheft und eben ein Buch. Damit ließ sich arbeiten.
So gesehen hätte er auch irgendein Tourist sein können, der sich Reisenotizen machte und einen Reiseführer oder sonst irgendwelche Reiseliteratur studierte. Und tatsächlich machte sich der Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, ein beliebiger sozusagen, auf Reisen immer in Kaffeehäusern oder deren Ersatz Notizen und las, manchmal über die Orte, die er besuchte, manchmal ganz etwas anderes. Auf Reisen wollte er keinesfalls mit irgendeinem Touristen verwechselt werden, die Kellner sollten ihn eher für irgendeinen Schriftsteller halten, sozusagen erraten, dass er einer war, trotz der wenigen Hinweise, die er ihnen gab, einen reisenden Schriftsteller, eine Kulturpilger, wie er es nannte, aber den Kellnern war es bestimmt egal, wer und was er war.
Für sich selbst war dieser Schriftsteller keineswegs irgendein Schriftsteller. Er war er selbst und schrieb, wie er schrieb. Er veröffentlichte und man konnte lesen, was er geschrieben hatte. Dann konnte man wissen, dass er nicht irgend ein Schriftsteller war, sondern genau dieser. Was aber zugegebenermaßen gerade bedeutete, einer von vielen zu sein, von sehr vielen, also eben doch irgendeiner.
Um auf das Kaffeehaus zurückzukommen, wo er saß, Teetrank, las und schrieb, dort war er, wie er fand, einigermaßen er selbst, sozusagen von außen definiert als Gast und von innen bestimmt als vom Wahrnehmen, Nachdenken, Aufschreiben. Was er m Kaffeehaus schrieb, war gleichsam nicht im Kaffeehaus, denn er zeigte es ja dort niemandem, las es niemandem vor, er allein kannte es. Zugleich war es ihm äußerlich, in einem für alle Welt ― oder zumindest für manche im Kaffeehaus ― sichtbaren Notizheft festgehalten, mit Tinte auf Papier, als ein Ding unter Dingen. Während sonst das Geistige, wie er es nannte, sozusagen grenzenlos war, unbestimmt, ihn ganz und gar umgab und durchdrang, war es hier, wo er saß, Tee trank, las und schrieb, ein fest umrissenes Geschehen, jedenfalls konnte er es sich so zu verstehen geben, er erlebte es so, um ihn herum war Fremde und Unverstandenes, er aber praktizierte mit seinem Füllfederhalter seine Gedanken aufs Papier, das er mitnehmen würde, auswerten, übertragen, überarbeiten, mit anderem verbinden, vielleicht veröffentlichen. Während zu Hause alles Schriftstellerei war oder deren Unterbrechung, Ablenkung, Störung, störte hier nichts, die Welt wollte nichts von ihm, er war mit seiner vorübergegangen Lage zufrieden, und der Schreibfluss war ungewöhnlich anhaltend und das Geschriebene oft sehr gut, auch im Rückblick.
Zum Glück traf er im Kaffeehaus fast nie auf Bekannte, mit denen er hätte reden müssen. Er wollte ja das Unbekannte in vertrauter Umgebung, die anregende Fremde, nicht fremde Anregungen und das sinnlose Leben anderer. Deren Erzählungen bedeuteten ihm nichts. Nicht hier. Er war gern bereit, zuzuhören, Anteil zu nehmen, auf Wunsch etwas zu sagen. Aber an anderem Ort, zu anderer Zeit. Hier im Kaffeehaus wollte er arbeiten.
Es war für ihn der richtige Ort. Für ihn, irgendeinen Schriftsteller, nicht unbedingt den Schriftsteller, der dies hier geschrieben hat, vielleicht aber doch, für irgendeinen Schriftsteller, keinen bestimmten, sozusagen einen beliebigen, aber doch immerhin einen, von dem das gesagt werden kann, was gesagt wurde. Für einen, der im Kaffeehaus sitzt, statt zu dschoggen, der Tee trinkt, statt einen wässrigen Gemüse- und Obstbrei, der liest, statt Bilder und Nachrichtenschnippsel zu tschecken, der nachdenkt, statt sich informieren zu lassen, der schreibt, statt zu tippen. Irgendwelche Schriftsteller machen das bestimmt, aber er nicht. Er sitzt im Kaffeehaus, trinkt Tee, liest und schreibt. Oder er könnte es tun. Er täte es gern. Er wird es wieder tun.