Sonntag, 5. April 2026

Irgendein Schriftsteller

Ein Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, somit nicht unbedingt der Schriftsteller, der dies hier geschrieben hat, vielleicht aber doch, irgendein Schriftsteller, kein bestimmter, sozusagen ein beliebiger, aber doch immerhin einer, von dem das gesagt werden kann, was gesagt worden sein wird, irgendein Schriftsteller also saß in einem Kaffeehaus, irgendwo, an keinem bestimmten Ort, in irgendeiner Stadt freilich, in der es halbwegs gute Kaffeehäuser gibt, dort also saß in irgendeinem Kaffeehaus irgendein Schriftsteller, trank Tee, las und schrieb.
Dazusitzen, Tee zu trinken, zu lesen und zu schreiben, war nicht nur sein Beruf, sondern eine Lebensweise. Es war die Weise, wie er seinen Beruf, der ein Gutteil seines Leben ausmachte, der sozusagen sein Lebensinhalt war, auszuüben pflegte, jedenfalls den Teil, der aus Schreiben, Nachdenken, Lesen und Teetrinken bestand. Zugegebenermaßen ist zum Teetrinken, Lesen, Schreiben und erst recht zum Nachdenken ein Kaffeehaus nicht unbedingt nötig, das hätte er auch zu Hause oder anderswo erledigen können und tat es ja auch, öfter sogar, als im Kaffeehaus. Aber das Kaffeehaus war eine angenehme Zutat. Dort war er eben gerade nicht zu Hause, war nicht nicht, wie er es nannte, in seinem Gehäuse, sondern irgendwie im Fremden und Freien, also zwar drinnen, aber doch draußen, an einem wohlvertrauten Ort, sogar dann, wenn er irgendein Kaffeehaus zum ersten Mal besuchte, der freilich fremden Leuten gehörte, von fremden Leuten betrieben und besucht wurde. Man kümmerte sich dort nur so viel um ihn, als nötig war, ansonsten ließ man ihn in Ruhe, ohne dass er deshalb allein gewesen wäre, selbst wenn die anderen Gäste nicht zahlreich waren, es gab immer Bewegung, Kommen und Gehen, Sprechen und Flüstern, Rascheln und Rumpeln, Klimpern und Zischen. Das Kaffeehaus war ein Ort, wo er für sich sein konnte und doch unter Leuten war.
Das war ein guter Ort um nachzudenken, um ein mitgebrachtes Buch zu lesen und um sich Notizen zu machen. Man könnte sagen, der Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, fand die Umgebung anregend. Unwillkürlich beobachte er dies und das, legte es aber nie darauf an, und was er schrieb, hatte fast nie das zum Gegenstand, was er im Kaffeehaus wahrnahm. Niemals las er die ausgelegten Zeitungen oder Zeitschriften, immer hatte er ein zwei Bücher dabei. Manchmal eines, das er von Zuhause mitgebracht hatte, um im Kaffeehaus etwas zu lesen zu haben, und dann ein zweites, dass er auf dem weg ins Kaffeehaus gekauft hatte, in irgendeiner Buchhandlung oder einem Antiquariat. Es konnten selbstverständlich auch drei oder mehr Bücher sein, die er mit sich führte. Davon lag dann aber immer nur eines auf dem kleinen Tisch vor ihm. Es wäre ihm lächerlich erschienen, alle Bücher vor sich aufzustapeln, angeberisch, als sei er irgendein Schriftsteller, der das Kaffeehaus in sein Gehäuse verwandle, in seine Schreibstube. Ihm lag und stand ohnehin schon fast zu viel auf dem Tisch: das Teegeschirr, das Federmäppchen, das Notizheft und eben ein Buch. Damit ließ sich arbeiten.
So gesehen hätte er auch irgendein Tourist sein können, der sich Reisenotizen machte und einen Reiseführer oder sonst irgendwelche Reiseliteratur studierte. Und tatsächlich machte sich der Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, ein beliebiger sozusagen, auf Reisen immer in Kaffeehäusern oder deren Ersatz Notizen und las, manchmal über die Orte, die er besuchte, manchmal ganz etwas anderes. Auf Reisen wollte er keinesfalls mit irgendeinem Touristen verwechselt werden, die Kellner sollten ihn eher für irgendeinen Schriftsteller halten, sozusagen erraten, dass er einer war, trotz der wenigen Hinweise, die er ihnen gab, einen reisenden Schriftsteller, eine Kulturpilger, wie er es nannte, aber den Kellnern war es bestimmt egal, wer und was er war.
Für sich selbst war dieser Schriftsteller keineswegs irgendein Schriftsteller. Er war er selbst und schrieb, wie er schrieb. Er veröffentlichte und man konnte lesen, was er geschrieben hatte. Dann konnte man wissen, dass er nicht irgend ein Schriftsteller war, sondern genau dieser. Was aber zugegebenermaßen gerade bedeutete, einer von vielen zu sein, von sehr vielen, also eben doch irgendeiner.
Um auf das Kaffeehaus zurückzukommen, wo er saß, Teetrank, las und schrieb, dort war er, wie er fand, einigermaßen er selbst, sozusagen von außen definiert als Gast und von innen bestimmt als vom Wahrnehmen, Nachdenken, Aufschreiben. Was er m Kaffeehaus schrieb, war gleichsam nicht im Kaffeehaus, denn er zeigte es ja dort niemandem, las es niemandem vor, er allein kannte es. Zugleich war es ihm äußerlich, in einem für alle Welt ― oder zumindest für manche im Kaffeehaus ― sichtbaren Notizheft festgehalten, mit Tinte auf Papier, als ein Ding unter Dingen. Während sonst das Geistige, wie er es nannte, sozusagen grenzenlos war, unbestimmt, ihn ganz und gar umgab und durchdrang, war es hier, wo er saß, Tee trank, las und schrieb, ein fest umrissenes Geschehen, jedenfalls konnte er es sich so zu verstehen geben, er erlebte es so, um ihn herum war Fremde und Unverstandenes, er aber praktizierte mit seinem Füllfederhalter seine Gedanken aufs Papier, das er mitnehmen würde, auswerten, übertragen, überarbeiten, mit anderem verbinden, vielleicht veröffentlichen. Während zu Hause alles Schriftstellerei war oder deren Unterbrechung, Ablenkung, Störung, störte hier nichts, die Welt wollte nichts von ihm, er war mit seiner vorübergegangen Lage zufrieden, und der Schreibfluss war ungewöhnlich anhaltend und das Geschriebene oft sehr gut, auch im Rückblick.
Zum Glück traf er im Kaffeehaus fast nie auf Bekannte, mit denen er hätte reden müssen. Er wollte ja das Unbekannte in vertrauter Umgebung, die anregende Fremde, nicht fremde Anregungen und das sinnlose Leben anderer. Deren Erzählungen bedeuteten ihm nichts. Nicht hier. Er war gern bereit, zuzuhören, Anteil zu nehmen, auf Wunsch etwas zu sagen. Aber an anderem Ort, zu anderer Zeit. Hier im Kaffeehaus wollte er arbeiten.
Es war für ihn der richtige Ort. Für ihn, irgendeinen Schriftsteller, nicht unbedingt den Schriftsteller, der dies hier geschrieben hat, vielleicht aber doch, für irgendeinen Schriftsteller, keinen bestimmten, sozusagen einen beliebigen, aber doch immerhin einen, von dem das gesagt werden kann, was gesagt wurde. Für einen, der im Kaffeehaus sitzt, statt zu dschoggen, der Tee trinkt, statt einen wässrigen Gemüse- und Obstbrei, der liest, statt Bilder und Nachrichtenschnippsel zu tschecken, der nachdenkt, statt sich informieren zu lassen, der schreibt, statt zu tippen. Irgendwelche Schriftsteller machen das bestimmt, aber er nicht. Er sitzt im Kaffehaus, trinkt Tee, liest und schreibt. Oder er könnte es tun. Er täte es gern. Er wird es wieder tun.

Montag, 16. März 2026

Ein Geständnis

Als ihm sein Onkel, der Bruder seines Vaters, dann schließlich gestand, dass sein Vater gar nicht sein Vater sei, sondern dass vielmehr er, der Onkel, in Wahrheit sein Vater sei, war er weniger überrascht, als man es von ihm anscheinend erwartet hatte. Er hatte etwas Derartiges schon vermutet, wenn auch erst seit kurzem. Gespräche zwischen seiner Mutter und ihrem Schwager, also dem Onkel, die plötzlich verstummten, wenn er ins Zimmer kam, hatten ihn nach einigem Nachdenken erraten lassen, worum es ging. Immer schon war ihm das verdruckste Verhältnis von Mutter und Onkel merkwürdig vorgekommen. Dass da zwischen ihnen etwas war, was nicht zur Sprache kommen sollte, war seit jeher offensichtlich gewesen. Nun also war sein Onkel sein Vater. Im Grunde war ihm das völlig gleichgültig. Er hatte immer ein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater gehabt, ein distanziertes, kühles, sprachloses, und das Verhältnis zu seinem Onkel, sondern man von einem solchen überhaupt sprechen konnte. war noch schlechter gewesen. Er fühlte sich weder mit dem eine noch mit dem anderen Mann verbunden. Sein vermeintlicher Vater war vor einigen Jahren gestorben, nun hatte er wieder einen Vater, der noch lebte. Insgeheim hoffte er, der Grund, warum der Onkel, der sein Vater war, das Geheimnis, das er jahrzehntelang gehütet hatte, jetzt verriet, eine schwere, unheilbare Krankheit, dass es nur noch um Monate, vielleicht nur Wochen ging. Das war gewiss herzlos, aber die Vorstellung, der Onkel erwarte nun, da er sich ihm als Vater offenbart hatte, eine Beziehung zu seinem neugewonnenen Sohn aufzubauen, war ihm äußert unangenehm. Wozu sollte das gut sein? Gewiss, wenn der Mann sterben musste und vor seinem Tod noch reinen Tisch hatte machen wollen, war das verständlich, aber ihm selbst bedeutete es nichts und er wollte nicht, dass daraus irgendetwas Lästiges, irgendwelche Verpflichtungen folgten. Er hatte damals an der Beerdigung seines Vaters teilgenommen und er würde auch an der Beerdigung seines Onkels teilnehmen, ob nun als Neffe oder als leiblicher Sohn, aber nur, weil man das eben so machte, er würde nicht trauern, wie er ja auch damals nicht getrauert hatte, warum auch, da war nichts, was Trauer oder auch nur Bedauern hätte auslösen können, nur ein Gefühl der Leere, was aber doch besser war als Hass. Auch seine Mutter würde er, wenn es einmal so weit wäre, nicht betrauern, das wusste er, er konnte diese Frau nicht leiden, die ihn nie verstanden oder unterstützt, aber ihn immer zu gängeln versucht hatte. Er empfand nichts für sie, auch wenn er sich sorgfältig um ihre Pflege kümmerte, weil er das für seine Pflicht hielt. Nein, er war keineswegs gefühlskalt, er liebte die Menschen, die er liebt, er hatte Freunde, mit denen er sich verbunden fühlte, er mochte seine Kollegen und viele seiner Kunden, aber er war nicht bereit, in der Familie oder sonstwo Gefühle zu heucheln, wenn er keine empfand. Er wollte auch nicht hassen oder sich selbst bemitleiden, weil er keine besseren Eltern gehabt hatte, das lag hinter ihm, es war, wie es war. Das Geständnis der Onkel erklärte vielleicht manches, aber im Grunde war es dafür zu spät. Ob übrigens seine Cousins, die Söhne seines Onkels, schon wussten, dass er eigentlich ihr Halbbruder war? Als Kinder waren sie immer ekelhaft zu ihm gewesen, hatten ihn gequält und gedemütigt, wann immer sie es konnten, und dann, von Erwachsenen zur Rede gestellt, hatten sie immer die Unschuldslämmer gespielt und alles abgestritten. Darum war es ihm immer eine gewisse Genugtuung gewesen, dass aus allen dreien Versager geworden waren. Einer führte jedes Geschäft, das er anfing, in die Pleite, einer soff und prügelte Frau und Kinder, der dritte war drogenabhängig und als Kleinkrimineller mehrfach im Gefängnis gewesen. Das waren also nun seine Halbbrüder. Er gönnte ihnen das bisschen Erbe des Onkels, ihres gemeinsamen Vaters, und würde keine Ansprüche stellen. Überhaupt wollte er, wenn erst seine Mutter endlich tot war, mit der ganze Familie nichts mehr zu tun haben.

Köpfe

Er hatte zwei Köpfe. Den einen setzte er werktags auf, den anderen an Sonn- und Feiertagen. Er hatte schon überlegt, sich einen dritten Kopf zuzulegen, für die Ferien vielleicht oder um an Werktagen einen Kopf zum Wechseln zu haben. Dass alle anderen Leute nur einen einzigen Kopf besaßen, fand er armselig. Wie konnte man nur so leben! Zu Hause setzte er manchmal überhaupt keinen Kopf auf, er fand das irgendwie bequemer. Aber so wäre er selbstverständlich nicht auf die Straße gegangen, das wäre gesellschaftlich gewiss nicht akzeptiert worden.

Donnerstag, 5. März 2026

Ein Stierkampf

Der Stier brach endlich zusammen. Triumphierend wandte der Stierkämpfer sich von ihm ab und der johlenden Menge zu, von der er sich ausgiebig feiern ließ. Dann stand der Stier doch noch einmal auf. Die Menge schrie wie verrückt, aber der Stierkämpfer bezog das auf sich und dankte mit großer Gebärde. Der Stier stürmte mit letzter Kraft los und rammt dem Stierkämpfer eines seiner Hörner von hinten in den Leib, sodass die Spitze vorne herausschaute. Er zog das Horn wieder heraus, brach neuerlich und diesmal endgültig zusammen. Der Stierkämpfer war zunächst sehr überrascht und dann ebenfalls tot. 

Mittwoch, 4. März 2026

Miniaturen (10)

Er hoffte darauf, dass alles ein Ende nehme.
 
Er ging davon aus, dass es nicht so weitergehen könne.
 
Es kam ihm viel schlimmer vor, wenn es nie aufhörte, als wenn es irgendwann aufhören musste.
 
Er sagte sich: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
 
Er war Optimist, weil er daran glaubte, dass man alles besser machen konnte.
 
Er war Pessimist, weil er daran glaubte, dass man es nicht besser machen werde.
 
Er hielt Wunder für möglich, aber nicht für wahrscheinlich.
 
Er war gegen die Katastrophe und hielt sie für vermeidbar, war aber sicher, dass sie eintreten werde.  
 
Er befürwortete den Untergang nicht, wie er ja auch den Niedergang nicht befürwortete, aber er war nicht bereit, so zu tun, als geschehe derlei nicht.
 
Er hatte nicht das Bedürfnis, sich zu retten, wenn alles verloren war.
 
Er glaubte nicht an das Nichts, wollte aber auch keine Vorstellung von dem haben haben, woran er hätte glauben wollen. 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Blumfeld (25)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, ging so seines Weges, als ihm diesen plötzlich ein Polizist vertrat und ihn anherrschte: „Weitergehen! Hier gibt’s nichts zu sehen!“ Blumfeld erwiderte: „Aber ich will ja weitergehen. Nur sind Sie mir dabei im Wege.“ Der Polizist stutzte. Dann schrie er: „Keinen Schritt weiter! Hier findet eine Amtshandlung statt! Wagen Sie es ja nicht, sie zu behindern!“ Blumfeld versuchte etwas. „Lassen Sie mich durch“, sagte er. „Ich bin Poet.“ Aber die Amtsperson zuckte nur mit den Schultern. „Nun gut“, sagte Blumfeld, „dann eben so: Lassen Sie mich durch, ich bin Prophet. Das Ende ist nahe!“ Aber auch darauf reagierte die Amtsperson nur mit Schulterzucken. Blumfeld seufzte, holte einen Ausweis hervor und hielt ihn dem Polizisten unter die Nase. Der las, stand ruckartig stramm, salutierte und brüllte: „Zu Befehl, Herr Hofrat!“ Dann ließ er Blumfeld vorbei. Der musste sich kurz darauf im Kaffeehaus einiges von Professor Blomquist anhören. „Wie konnten Sie nur!“, regte der Professor sich auf sich auf, „Sich mit einem gefälschten Ausweis gegenüber einer Amtsperson als Amtsperson ausgeben! Die Staatsmacht imitieren, um die Staatsmacht zu manipulieren! Und Sie wollen ein Anarchist sein?“ Blumfeld erwiderte ruhig: „Aber der Ausweis ist doch nicht gefälscht. Er ist völlig echt, ich habe ihn eigenhändig ausgestellt. Wer sagt dann, dass nur eine Behörde Ausweise ausstellen darf? Und wer dürfte das sagen? Zudem sind alle Angaben darin richtig. Schauen Sie, hier gibt es die Rubrik Name, und tatsächlich steht da ein Name: Dagobert von Dobromyschl. Und hier, unter Titel, steht auch wirklich ein Titel: Hofrat. Dass das mein Name ist und mein Titel, wird ja nirgends behauptet.“ Professor Blomquist gab nicht auf: „Und das Lichtbild?“ Blumfeld lehnte sich zurück: „Was ist damit? Darf ich keine Photographie von mir herzeigen? Darf ich sie nicht auf ein Stück Karton kleben? Nie habe ich behauptet, es handle sich um das Konterfei von jemandem namens Dagobert von Dobrobromyschl.“ Der Professor wurde ruhiger, brachte aber doch noch vor: „Der Stempel mit dem Wappen, der ist allerdings gefälscht, oder?“ Blumfeld schüttelt den Kopf. „Keineswegs. Schauen Sie her: ein gerupftes Huhn mit zwei Köpfen. Darauf ein Brustschild mit dem Osterhasen. Kaum zu erkennen, aber präzise geschnitten. Wollen Sie eine Lupe?“ Professor Blomquist winkte ab. „Und doch bleibt es dabei, Sie haben absichtlich einen falschen Eindruck erweckt. Dass ist dasselbe wie eine Lüge.“ Blumfeld bedeutete dem gerade vorbeigehenden Kellner, dass er gern noch ein Kännchen Assam-Tees hätte, und sagte dann zum Professor: „Ach, wissen Sie was: Ich habe getan, was nötig war. Wenn es nicht im Guten geht … Sagen Sie mir: Wessen Amtshandlung war es denn? Doch nicht meine, sondern die der Polizei. Gebt also den Bütteln, was der Bütteln ist, und dem freien Menschen, was des freien Menschen ist.“ Damit war die Sache für ihn erledigt 

Montag, 16. Februar 2026

Blumfeld (24)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, saß im Park auf einer Bank und schaute schon eine ganze Weile zwei Männern zu, die auf steinernen Sitzen an einem dieser steinernen Tischchen saßen, in deren Tafel aus schwarzen und weißen Plättchen ein schwarzweißes Muster eingelegt war, und die dort mit mitgebrachten Figuren Schach spielten. Blumfeld schaute so beiläufig zu, dass er auf die Spielzüge nicht achtete. Ohnehin verstand er kaum etwas von Schach. Aber dann kam ihm plötzlich etwas sonderbar vor. Blumfeld stand auf, ging zu einer anderen, den Spielern etwas näheren Parkbank, setzte sich und sah: Die Spielfiguren waren gar keine Schachfiguren. Er sah ein Porzellanpüppchen, eine Streichholzschachtel, zwei verschiedene kleine Dinosaurier, eine leere hölzerne Garnspindel, eine Walnuss, einen Kerzenstummel, und das da, ja, das war ein angebissener Schokoriegel. Noch ein gutes Dutzend weiterer kleiner Dinge stand auf dem Brett. Diese merkwürdigen Figuren waren offensichtlich keinem der beiden Spieler fest zugeordnet, sondern mal bewegte der eine die Garnrolle, den Kerzenstummel oder einen der Dinosaurier, mal der andere. Auch folgte nicht ein Spielzug des einen einem Spielzug des anderen, sondern manchmal machte ein Spiel zwei, drei Züge hintereinander. Dazwischen lagen unterschiedlich lange Pausen. Was geschah, schien unvorhersehbar. Aber trotzdem machte nichts von alledem den Eindruck des Zufälligen. Es schien den beiden Spielern zudem sehr ernst zu sein mit ihrem Spiel, sie wirkten hochkonzentriert und hoben den Blick nicht vom Brett. Blumfeld schaute noch eine ganze Weile zu, verstand aber überhaupt nichts. Wenn es Regeln gab, waren sie für ihn unerkennbar. Das gefiel ihm. So ein Spiel hätte er auch gern einmal gespielt. Ob man dafür nur zu zweit sein durfte?