Donnerstag, 12. Februar 2026

Blumfeld (22)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, war seit vielen Jahren Mitglied eines Vereins. Er dachte selten daran und wusste auch nicht mehr, warum eigentlich. Er hatte den Vereinszweck vergessen und konnte sich auch an den Namen des Vereins nicht mehr erinnern. Irgendwo musste er Unterlagen dazu haben, denn er zahlte jedes Jahr seinen Beitrag, und der war hoch genug, aber wenn er darüber nachdachte, hatte er nie Lust, nach den Belegen zu suchen. Ab und zu erhielt Blumfeld Einladungen zu irgendwelchen Veranstaltungen des Vereins, die er nie besuchte, aber auch regelmäßig eine Einladung zur Generalversammlung, und an einer solchen teilzunehmen, fühlte sich Blumfeld als zahlendes und satzungstreues Mitglied verpflichtet. Er prägte sich Tag und Stunde ein, den Ort wusste er ohnehin, es war das Kaffeehaus, das fast täglich besuchte, und auch den Vereinsnamen merkte er sich. Aus dem ging der Vereinszweck deutlich hervor, und Blumfeld staunte ein wenig, aber es hatte wohl schon seine Richtigkeit damit. Anderntags hatte er den Namen des Vereins schon wieder vergessen. Zur Generalversammlung ging er dann selbstverständlich trotzdem. Als Blumfeld ankam, waren im Hinterzimmer des Kaffeehauses schon einige Leute versammelt. Er begrüßte jeden recht freundlich, erkannte aber niemanden. Er nahm Platz. Die Sitzung wurde nach einer Weile von einem älteren Herrn eröffnet, wohl dem Vorsitzenden, der die Teilnehmer begrüßte und die Tagesordnung verlas. Blumfeld folgte den Berichten, Anträgen und Debatten sehr aufmerksam. Und wenn es etwas abzustimmen gab, hob er nach reiflicher Überlegung mal die Hand für etwas oder gegen etwas. Das ging so etwa anderthalb Stunden. Zum Schluss wurde stehend eine Hymne gesungen, aber Blumfeld, der ohnehin nicht gerne sang, kannte weder Worte noch Weise und bewegte nur vorsichtig die Lippen. Dann war die Sitzung zu Ende. Einige Teilnehmer gingen, manche standen noch in Grüppchen zusammen. Blumfeld ging, er kannte ja hier niemanden und hätte nicht gewusst, worüber er mit diesen Leuten hätte reden sollen. Was beschlossen worden war, verstand er im Grunde nicht, es war ihm auch gleichgültig und er hatte es wohl auch bereits vergessen. Aber während er dann durch die abendlichen Gassen der Golden Stadt nach Hause ging, freute er sich schon auf die nächste Generalversammlung.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Miniaturen (9)

Er hielt nicht allzu viel von sich selbst.
 
Er misstraute sich selbst, aber mehr aus Gewohnheit als aus Erfahrung.
 
Seine eigene Meinung galt ihm nichts, bis er sich vergewissern konnte, dass es auch die Meinung anderer war.
 
Er war überzeugt, alle seine Fehler zu kennen, und hielt seine vermeintlichen Vorzüge für bloße Missverständnisse. 
 
Manchmal war er überzeugt, dass niemand bescheidener sei als er.
 
Es war ihm sehr darum zu tun, jede Eitelkeit zu vermeiden.
 
Er strebte auf vielfältige Weise und großem Aufwand nach Einfachheit.
 
Sorgfältig achtete er darauf, sich nicht in Details zu verlieren. 
 
Er bestand darauf, dass es mehr auf Fragen ankomme als auf Antworten.
 
Er verabscheute Dogmen. Daran ließ er keinen Zweifel.

Mittwoch, 4. Februar 2026

Miniaturen (8)

Er wollte diese Frau, die er nicht kannte oder eben erst kennengelernt hatte, unbedingt ficken. Nicht wegen des Genusses, sondern der Befriedigung halber, sie gehabt zu haben. Er war versessen darauf, sein Ziel zu erreichen. Er würde draufgängerisch sein, wenn er meinte, dass sie erobert werden wollte, zärtlich, schmeichlerisch, einfühlsam, wenn er meinte, dass sie verführt werden wollte. Niemals, außer vielleicht in ungewohnter Wut, würde er vergewaltigen. Er wollte, dass das jeweilige Mädel (er nannte alle jungen Frauen Mädels) gerade von ihm genommen werden wollte. Die Frau brauchte ihn nicht zu begehren, nicht zu mögen, nicht zu verstehen, sie sollte ihn nur drüberlassen. Das genügte ihm. Je mehr Mädels er gefickt hatte, desto männlicher fühlte er sich. An den Mädels selbst lag ihm nichts oder nicht viel. Im Grunde verachtete er sie, weil sie für ihn die Beine breitgemacht hatten. Er begehrte sie, aber nur, weil sie gefickt werden konnten, weil sie das waren, was man eben so fickte. Sie zu begehren, von der Idee, sie zu ficken, erregt zu sein, war die Voraussetzung des Fickenkönnens. Ohne Geilheit kein Ständer. Männer zu ficken, hätte ihm hingegen nichts gebracht. Männerkörper interessierten ihn nicht, sie zu ficken, hätte nicht gezählt. Männer waren bloß der Bezugsrahmen seiner Erfolge. Es erregte ihn, wenn er der erste war, der ein Mädel fickte, wenn er also allen anderen zuvorgekommen war. Und es erregte ihn, wenn er wusste, dass schon einige oder sogar viele über das Mädel drübergestiegen waren, dass er sozusagen in ein Fotze voller fremden Spermas hineinfickte. Immerhin war jetzt er es, der hier gleich abspritzen würde, und kein anderer.

Donnerstag, 29. Januar 2026

Kleines Welttheater (2)

A: Es waren drei. Drei, verstehst du?
B: Jaja.
A: Genau drei. Nicht zwei, nicht vier oder fünf. Drei.
B: Aha.
A: Es waren drei. Es hätten auch zwei oder vier sein können.
B: Hm.
A: Oder fünf. (Pause) Es waren aber drei.
B: Genau drei?
A: Genau drei.
B: Na dann.

Samstag, 24. Januar 2026

Miniaturen (7)

Was er sich da zurechtgelegt hatte, war ziemlicher Blödsin, und das wusste er. Aber es genügt ihm, um nicht weiter nachdenken zu müssen.
 
Es ging ihm nicht um Wahrheit, sondern darum, seine Ruhe zu haben.
 
Es ging ihm nicht um Gerechtigkeit, sondern darum, dass es feste Regeln geben musste.
 
Die anderen galten ihm alle als Störenfriede oder mögliche Störenfriede.
 
Dass andere Menschen Rechte hatten, verstand er so, dass er daran gehindert werden sollte, das zu tun, was er wollte und was notwendig war.
 
Er wusste immer sehr genau, was zu tun war, aber weil er alles selber machen musste und sich auf niemanden verlassen konnte, vermochte er meistens nur wenig auszurichten.
 
Er fühlte sich fast immer missverstanden. Man neidete ihm offensichtlich seine Fähigkeiten und, wenn sie sich einstellten, seine Erfolge.
 
Er kämpfte stets an mehreren Fronten zugleich.  
 
Wer ihm in die Quere kam, war sein Feind. Und Feinde schaltet man aus. 
 
Er war ein freier Mensch und ließ sich auch zum Nachdenken nur ungern zwingen. 
 
Er war nicht überheblich, wusste aber, dass er immer Recht hatte. Nun gut, manchmal irrte er sich auch, aber dann war er meistens getäuscht worden und zu gutmütig gewesen. Oder man hatte ihm Informationen vorenthalten, die er gebraucht hätte. 
 
Er hatte es mit lauter Dummköpfen, dreisten Lügnern und miesen kleinen Halunken zu tun.

Freitag, 23. Januar 2026

Versuch einer Kafkaeske

Der Ermordete wurde zum Abschluss beschuldigt, seine Mörder beleidigt zu haben. Es gehe nicht an, erklärte der Richter, der in Vertretung des Staatsanwalts die letzten Worte des Henkers verlas, ausgerechnet denen am Zeug flicken zu wollen, die ausschließlich ihre Pflicht als verantwortungslose Verbrecher erfüllt hätten. Man müsse Begangenes endlich auch einmal Begangenes sein lassen. Hier müsse kurzer Prozess gemacht werden. Jemanden zu foltern, zu verstümmeln, zu töten und anschließend zu verhöhnen, sei von Rechts wegen nun einmal lediglich eine Tatsache. Dafür hätte man sich vielleicht gar nicht erst zu entschuldigen brauchen. Folgerichtig bleibe dem Getöteten nach Lage der Dinge nichts weiter übrig, als die Schuld auf sich zu nehmen und anzuerkennen, dass andere die Verantwortung für seinen Hinrichtung längst in vollem Umfang getragen hätten. Aufs Schärfste müsse hingegen die alberne und geradezu herabwürdigende Vorstellung zurückgewiesen werden, verantwortlich zu sein heiße, sich verantworten zu müssen. Wo käme man denn da hin! Bei einem Mord geschehe schließlich niemandem ein Unrecht außer dem Ermordeten. Und der habe es sich demnach selbst zuzuschreiben, wenn man fürderhin nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle. In diesem Sinne, so der Richter, habe schlicht und ergreifend zu gelten: Rübe ab! Ob das hohe Gericht in diesem besonderen Falle es nicht vielleicht doch ein ganz kleines bisschen mit seiner Strenge übertreibe, hätte der für schuldig Befundene vielleicht noch wissen wollen, doch bevor er sich zu Wort melden konnte, war das Urteil längst schon im Voraus vollzogen.
(18./19. Juni 2004) 

Montag, 19. Januar 2026

Miniaturen (6)

Er wollte immer gern etwas für andere tun, kam aber irgendwie nie dazu.
 
Er benahm sich in Gesellschaft stets daneben, weil er andere zu gern darüber belehrte, was sie falsch machten und wie sie es richtig machen müssten.
 
Er sprach gern von seinem Desinteresse an sich selbst.
 
Er sah seine Stärke darin, seine Schwächen offenzulegen. 
 
Er konnte sich seine Unerbittlichkeit nicht verzeihen. 
 
Er war sich seiner Selbstzweifel gewiss. 
 
Er fand, dass ihn andere für seine Bescheidenheit loben sollten.
 
Seine Bedürfnislosigkeit war ihm ein starkes Bedürfnis. 
 
Er wollte immer alles ganz schlicht haben, aber um jeden Preis. 
 
Er setzte seine Anspruchslosigkeit rigoros durch.