Montag, 16. März 2026

Ein Geständnis

Als ihm sein Onkel, der Bruder seines Vaters, dann schließlich gestand, dass sein Vater gar nicht sein Vater sei, sondern dass vielmehr er, der Onkel, in Wahrheit sein Vater sei, war er weniger überrascht, als man es von ihm anscheinend erwartet hatte. Er hatte etwas Derartiges schon vermutet, wenn auch erst seit kurzem. Gespräche zwischen seiner Mutter und ihrem Schwager, also dem Onkel, die plötzlich verstummten, wenn er ins Zimmer kam, hatten ihn nach einigem Nachdenken erraten lassen, worum es ging. Immer schon war ihm das verdruckste Verhältnis von Mutter und Onkel merkwürdig vorgekommen. Dass da zwischen ihnen etwas war, was nicht zur Sprache kommen sollte, war seit jeher offensichtlich gewesen. Nun also war sein Onkel sein Vater. Im Grunde war ihm das völlig gleichgültig. Er hatte immer ein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater gehabt, ein distanziertes, kühles, sprachloses, und das Verhältnis zu seinem Onkel, sondern man von einem solchen überhaupt sprechen konnte. war noch schlechter gewesen. Er fühlte sich weder mit dem eine noch mit dem anderen Mann verbunden. Sein vermeintlicher Vater war vor einigen Jahren gestorben, nun hatte er wieder einen Vater, der noch lebte. Insgeheim hoffte er, der Grund, warum der Onkel, der sein Vater war, das Geheimnis, das er jahrzehntelang gehütet hatte, jetzt verriet, eine schwere, unheilbare Krankheit, dass es nur noch um Monate, vielleicht nur Wochen ging. Das war gewiss herzlos, aber die Vorstellung, der Onkel erwarte nun, da er sich ihm als Vater offenbart hatte, eine Beziehung zu seinem neugewonnenen Sohn aufzubauen, war ihm äußert unangenehm. Wozu sollte das gut sein? Gewiss, wenn der Mann sterben musste und vor seinem Tod noch reinen Tisch hatte machen wollen, war das verständlich, aber ihm selbst bedeutete es nichts und er wollte nicht, dass daraus irgendetwas Lästiges, irgendwelche Verpflichtungen folgten. Er hatte damals an der Beerdigung seines Vaters teilgenommen und er würde auch an der Beerdigung seines Onkels teilnehmen, ob nun als Neffe oder als leiblicher Sohn, aber nur, weil man das eben so machte, er würde nicht trauern, wie er ja auch damals nicht getrauert hatte, warum auch, da war nichts, was Trauer oder auch nur Bedauern hätte auslösen können, nur ein Gefühl der Leere, was aber doch besser war als Hass. Auch seine Mutter würde er, wenn es einmal so weit wäre, nicht betrauern, das wusste er, er konnte diese Frau nicht leiden, die ihn nie verstanden oder unterstützt, aber ihn immer zu gängeln versucht hatte. Er empfand nichts für sie, auch wenn er sich sorgfältig um ihre Pflege kümmerte, weil er das für seine Pflicht hielt. Nein, er war keineswegs gefühlskalt, er liebte die Menschen, die er liebt, er hatte Freunde, mit denen er sich verbunden fühlte, er mochte seine Kollegen und viele seiner Kunden, aber er war nicht bereit, in der Familie oder sonstwo Gefühle zu heucheln, wenn er keine empfand. Er wollte auch nicht hassen oder sich selbst bemitleiden, weil er keine besseren Eltern gehabt hatte, das lag hinter ihm, es war, wie es war. Das Geständnis der Onkel erklärte vielleicht manches, aber im Grunde war es dafür zu spät. Ob übrigens seine Cousins, die Söhne seines Onkels, schon wussten, dass er eigentlich ihr Halbbruder war? Als Kinder waren sie immer ekelhaft zu ihm gewesen, hatten ihn gequält und gedemütigt, wann immer sie es konnten, und dann, von Erwachsenen zur Rede gestellt, hatten sie immer die Unschuldslämmer gespielt und alles abgestritten. Darum war es ihm immer eine gewisse Genugtuung gewesen, dass aus allen dreien Versager geworden waren. Einer führte jedes Geschäft, das er anfing, in die Pleite, einer soff und prügelte Frau und Kinder, der dritte war drogenabhängig und als Kleinkrimineller mehrfach im Gefängnis gewesen. Das waren also nun seine Halbbrüder. Er gönnte ihnen das bisschen Erbe des Onkels, ihres gemeinsamen Vaters, und würde keine Ansprüche stellen. Überhaupt wollte er, wenn erst seine Mutter endlich tot war, mit der ganze Familie nichts mehr zu tun haben.

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