Dienstag, 26. Mai 2026

Miniaturen (12)

Als der Vulkan ausbrach, fürchtete er sich nicht, sondern freute sich sehr darüber, derlei sozusagen am eigenen Leib erleben zu können. Er floh zwar mit den anderen, war aber weniger darum besorgt, sich in Sicherheit zu bringen, als vielmehr, möglichst viel von dem Ereignis mitzubekommen.
 
Schon beim ersten Verhör gab er zu, ein Feind der herrschenden Partei zu sein und redete sich um Kopf und Kragen. „Was haben wir mit euch zu schaffen“, sagte er laut und erregt, „ihr seid uns aufgezwungen worden, mit Waffengewalt, von einer fremden Macht, nicht durch irgendeine Revolution, schon gar nicht eine proletarische, sondern ...“ ― „Das genügt!“, schrie der Vernehmungsbeamte. Man packte ihn, schleppte ihn zurück in seine Zelle und verprügelte ihn.
 
Er war aus einem Land zurückgekehrt, in dem er lange gelebt und sich immer fremd gefühlt hatte, fühlte sich aber jetzt auch hier, in der sogenanntem alten Heimat, durchaus fremd.
 
Die Reise war kurz gewesen, und ebenso viele Tage, wie er unterwegs gewesen war, war er nun schon wieder zurück, und doch erschien ihm die Zeit dort viel länger als die Zeit hier.
 
Er hatte vorab beschlossen, sich während seines Aufenthaltes in fremder Gegend von nichts beeindrucken zu lassen, und war schließlich enttäuscht, wie leicht ihm das fiel.

Dienstag, 19. Mai 2026

Ein Traum eines alten Schriftstellers

Einem alten Schriftsteller träumte, ein junger Schriftsteller sei zu ihm gekommen und habe gesagt, ihm sei im Traum ein Engel erschienen und habe ihm gesagt, dass es auf Grund göttlichen Ratschlusses zu jeder Zeit nur eine begrenzte Anzahl guter und erfolgreicher Schriftsteller geben dürfe. „Fragen Sie mich nicht, warum“, sagte der junge Schriftsteller im Traum. „Ich habe es selbst nicht so recht verstanden. Irgendwas mit kosmischer Ordnung.“ Jedenfalls habe ihm der Engel mitgeteilt, so der junge Schriftsteller weiter, dass er, der junge Schriftsteller, nicht zu besagter Anzahl gehören werde, er, der alte Schriftsteller, hingegen schon. „Und nun habe ich eine ungeheure Bitte“, sagte der junge Schriftsteller. „Sie muss ihnen ungeheuerlich und unverschämt erscheinen, aber bitte hören Sie sich meine Bitte an. Sie ist mir unerhört wichtig. Wie Sie sich sodann entscheiden, entscheidet über mein Lebensglück.“ Und der junge Schriftsteller bat im Traum den alten Schriftsteller, er möge ihm seinen Platz unter den erfolgreichen Schriftstellern dieser Zeit abtreten. „Sie sind, mit Verlaub, in vorgerücktem Alter“, sagte der junge Schriftsteller. „Ihr Erfolg war bisher, mit Verlaub, mäßig. Aber Sie kamen doch, soweit ich weiß, ganz gut zu Recht. Sie sind, nehme ich an, mit Ihrem Texten zufrieden, sonst hätten Sie ja längst zu schreiben aufgehört. Wozu also brauchen Sie, wenn ich fragen darf, in Ihrem Alter noch Erfolg? Sie haben doch Zufriedenheit. Und nachdem, was man hört, und der Engel, der mir im Traum erschien, hat mir das auf Nachfrage bestätigt, sind Sie ein bescheidener Mensch. Mit wenigem zufrieden, dabei großzügig gegenüber anderen, frei von Eitelkeit und Neid, kurzum ein guter Mensch.“ Der junge Schriftsteller habe im Traum geseufzt. „Ich hingegen“, habe er gesagt, „ich bin von Ehrgeiz zerfressen, kann keinem gönnen, dass seine Texte mehr Aufmerksamkeit bekommen als ich, bin zänkisch, ungerecht, verstricke mich in unsinnige Argumentationen und werde schließlich noch ganz verbittert und wahrscheinlich sogar schreibunfähig enden, wenn ich nicht bald Erfolg habe. Wollen Sie das? Kann ein so herzensguter Mensch wie Sie das wollen? Sie sehen, es ist nicht ohne Grund und Berechtigung, wenn ich Sie um Ihren Platz unter den Erfolgreichen bitte, ich habe das nötig wie einen Bissen Brot.“ Der alte Schriftsteller habe im Traum etwas sagen wollen, aber der junge Schriftsteller habe hinzugesetzt: „Ich verpflichte mich selbstverständlich auf Ehrenwort, wenn ich erst erfolgreich bin und mir die öffentliche Aufmerksamkeit in reichem Maße zukommt, immer nur gut von Ihnen und Ihrem Werk zu sprechen, sodass Sie schließlich, wenn schon nicht Erfolg, denn das ist dann ja nicht mehr möglich, aber doch die Anerkennung von Kennern finden werden, die Ihnen gebührt. Das ist doch auch etwas.“ An dieser Stelle aber sei der alte Schriftsteller aufgewacht und habe nicht gewusst, wie er sich im Traum hätte entscheiden wollen.

Samstag, 16. Mai 2026

Blumfeld (26)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, war sehr erleichtert, dass er seine alte Bedienerin endlich losgeworden war. Schon seit langem hatte er es mit der Nechvatal kaum noch auszuhalten. Immer schon war sie einfältig, neugierig, klatschsüchtig gewesen, zudem unzuverlässig und unsauber, in letzter Zeit auch noch zänkisch und geradezu bösartig. Blumfeld hatte immer mehr befürchten müssen, dass sie irgendetwas über ihn herausbekommen oder, auch nicht besser, erfinden und dann herumtratschen könnte. Nicht, dass Blumfeld sich um seinen Ruf sorgte, aber es hätte ihm gar nicht gefallen, die Aufmerksamkeit der Obrigkeit zu erregen. Nun, seit er der Nechvatal gekündigt hatte, war die Gefahr bestimmt nicht geringer geworden, dass sie hinter seinem Rücken allerhand Gerüchte streute, aber Blumfeld versuchte, nicht daran zu denken, und hoffte, die klügeren Leute würden derlei einfach für das rachsüchtiges Geschwätz einer Einfältigen halten, das es ja auch war. Mit seiner neuen Bedienerin, für die sich Blumfeld erst einen Namen ausdenken musste, war er jedenfalls sehr zufrieden. Still und in sich gekehrt, fleißig und umsichtig, sorgfältig und tatkräftig, erledigte sie in kürzerer Zeit weit mehr als die Nechvatal, kam aber öfter, musste weniger beaufsichtigt werden, wusch nicht nur auf und staubte ab, sie kümmerte sich auch um die Wäsche und ab und zu kochte, briet oder buk sie sogar nebenher kleine Leckereien. Blumfeld war’s zufrieden.