Wenn es ihm schlecht geht, fällt ihm Gott ein. Oder wenn er Angst hat. Oder Schmerzen. Oder wenn er etwas haben will, was nicht leicht zu bekommen ist. Dann versucht er, den Allmächtigen zu überreden, sich doch bitte seiner Sache anzunehmen und sie recht bald in seinem Sinne zu erledigen. Nicht wegen irgendwelcher Verdienste, die habe er nicht, das wisse er. Aber was seien schon Verdienste angesichts der überströmenden Gnade des barmherzigen Gottes. Und andere seien auch nicht viel besser. Nicht viele. Eben. So legt er es sich zurecht. Dann verspricht er Besserung. Dass er sich an Gott wende, sei doch schon ein Zeichen dafür. Die Erfüllung sein Wünsche werde ihn zu einem besseren Menschen machen. Also dann. Er möchte sich darauf verlassen können. Zuletzt deutet er ein bisschen an, wie enttäuscht er andernfalls wäre. Wie das seine Glauben schwächte. Es könnte ihn zum Zweifler, zum Ungläubigen machen. Darum also. Amen.
Dienstag, 24. Mai 2022
Mittwoch, 27. April 2022
Ein Unternehmer
Anfangs hatte er versucht, aus der
Wirklichkeit Kapital zu schlagen, aber die gab nichts her. Dann hatte er
sich auf das Vorstellungsvermögen verlegt, aber das lachte ihn nur aus,
ohne dabei eine Miene zu verziehen, und tröpfelte weiter vor sich hin.
Schließlich dachte er sich etwas aus, gab sich nüchtern kalkulierend,
spekulierte wild und verschob Zahlen hin und her, bis sie unvorstellbate
Summen ergaben, und siehe da: Nun zogen Phantasie und Realität nach.
Alle Welt rechnete mit einer fabelhaften Zukunft und gab ihm Kredit.
Sonntag, 2. Januar 2022
Die Frist
„Sie
wissen ja“, sagte der Festungskommandant zum Verurteilten, „wir
sind hier dauernd unterbesetzt. Ich kann kaum den Betrieb aufrecht
erhalten. Aber zufällig hätte ich heute genügend Mann für ein
Erschießungskommando beisammen. Sonst erst wieder in ein, zwei
Wochen. Wie also sollen wir vorgehen?“ Der Verurteilte überlegte
nicht lange: „Dann machen wir es doch bitte gleich. Worauf warten?
Was erledigt ist, ist erledigt.“
Freitag, 10. Dezember 2021
Unter die Menschenfresser gefallen
Die Regierung hat sich mit ihren
Experten gründlich beraten und jetzt entschieden, dass das derzeitige
unabweisbare, drängende und für alle äußerst bedrohliche Problem einzig
und allein durch den Verzehr von Menschenfleisch gelöst werden kann.
Darum werde dieser ab sofort nicht nur nicht mehr als Straftat
behandelt, sondern im Gegenteil als nützlich und hilfreich empfohlen, ja
sogar dringend angeraten. Die Menschen müssten für einander dasein in
Zeiten der Not. Wenn der Verzehr von Menschenfleisch in absehbarer Zeit
nicht ordentlich zunehme, müsse sogar eine Pflicht angedacht werden,
deren Verletzung dann ihrerseits als erhebliche Straftat zu ahnden sei.
Einige sagen nun: Ich bin zwar bisher nicht für die Menschenfresserei gewesen, aber bitte, wenn es sein muss, und das muss es wohl, dann mache ich selbstverständlich dabei mit. Es scheint ja vernünftige Gründe für sie zu geben, das Gesetz schreibt sie vor und alle anderen tun es auch. Es wäre somit Unsinn, dagegen zu sein.
Andere sagen: Ich gerne bereit, ich wollte nämlich immer schon wissen, wie Menschenfleisch eigentlich schmeckt. Wenn es jetzt also erlaubt ist und sogar erwünscht, dann immer nur her damit!
Viele sagen: Mir ist das egal, ich bin bisher weder dafür gewesen noch dagegen, jetzt ist es ja aber wohl verpflichtend, also wird es damit schon seine Richtigkeit haben. Nützt es nichts, so schadet es doch auch nichts. Ich weiß es jedenfalls nicht besser als die Befürworter, und die Gegner sind mir verdächtig. Außerdem ist es nun einmal beschlossene Sache. Es hat also gar keinen Sinn, sich dagegen aufzulehnen.
Einige sagen: Ich vermute, dass mir Menschenfleisch nicht schmeckt. Vielleicht probiere ich später ein kleines Stück, aber vorläufig möchte ich das nicht. Das soll freilich andere in keiner Weise davon abhalten, Menschenfleisch zu verzehren, wenn sie das unbedingt möchten.
Einige wenige, aber doch gar nicht so wenige sagen: Das kommt überhaupt nicht in Frage. Es ist völlig falsch. Erstens nützt es nichts und zweitens schadet es. Ich lasse so etwas mit mir nicht machen, ich will weder gefressen werden noch meine Mitmenschen fressen. Das ist unmoralisch und stürzt uns alle ins Unglück. Wir müssen uns dagegen wehren!
So unterschiedlich also gehen die Menschen derzeit mit dem Regierungsbeschluss um. Am Ende aber werden alle satt sein oder verspeist.
Einige sagen nun: Ich bin zwar bisher nicht für die Menschenfresserei gewesen, aber bitte, wenn es sein muss, und das muss es wohl, dann mache ich selbstverständlich dabei mit. Es scheint ja vernünftige Gründe für sie zu geben, das Gesetz schreibt sie vor und alle anderen tun es auch. Es wäre somit Unsinn, dagegen zu sein.
Andere sagen: Ich gerne bereit, ich wollte nämlich immer schon wissen, wie Menschenfleisch eigentlich schmeckt. Wenn es jetzt also erlaubt ist und sogar erwünscht, dann immer nur her damit!
Viele sagen: Mir ist das egal, ich bin bisher weder dafür gewesen noch dagegen, jetzt ist es ja aber wohl verpflichtend, also wird es damit schon seine Richtigkeit haben. Nützt es nichts, so schadet es doch auch nichts. Ich weiß es jedenfalls nicht besser als die Befürworter, und die Gegner sind mir verdächtig. Außerdem ist es nun einmal beschlossene Sache. Es hat also gar keinen Sinn, sich dagegen aufzulehnen.
Einige sagen: Ich vermute, dass mir Menschenfleisch nicht schmeckt. Vielleicht probiere ich später ein kleines Stück, aber vorläufig möchte ich das nicht. Das soll freilich andere in keiner Weise davon abhalten, Menschenfleisch zu verzehren, wenn sie das unbedingt möchten.
Einige wenige, aber doch gar nicht so wenige sagen: Das kommt überhaupt nicht in Frage. Es ist völlig falsch. Erstens nützt es nichts und zweitens schadet es. Ich lasse so etwas mit mir nicht machen, ich will weder gefressen werden noch meine Mitmenschen fressen. Das ist unmoralisch und stürzt uns alle ins Unglück. Wir müssen uns dagegen wehren!
So unterschiedlich also gehen die Menschen derzeit mit dem Regierungsbeschluss um. Am Ende aber werden alle satt sein oder verspeist.
Freitag, 20. November 2020
Die Anpassung
Als Gregor Samsa eines Morgens aus
unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem voll
funktionsfähigen Roboter verwandelt. Das störte ihn nicht weiter, fiel
auch niemandem auf, und er ging ganz normal zur Arbeit, wenn er nicht
gerade zu Hause in seinem Zimmer blieb und Home Office machte.
Keine Fabel
„Ich habe auch Rechte“, piepste die Maus, als die Katze sich anschickte, sie zu fressen.
„Mach dich nicht lächerlich“, fauchte die Katze. „Nur Menschen reden von Tierrechten. Unsereins redet nicht einmal von Natur.“
„Mach dich nicht lächerlich“, fauchte die Katze. „Nur Menschen reden von Tierrechten. Unsereins redet nicht einmal von Natur.“
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