Einem alten Schriftsteller träumte, ein junger Schriftsteller sei zu ihm gekommen und habe gesagt, ihm sei im Traum ein Engel erschienen und habe ihm gesagt, dass es auf Grund göttlichen Ratschlusses zu jeder Zeit nur eine begrenzte Anzahl guter und erfolgreicher Schriftsteller geben dürfe. „Fragen Sie mich nicht, warum“, sagte der junge Schriftsteller im Traum. „Ich habe es selbst nicht so recht verstanden. Irgendwas mit kosmischer Ordnung.“ Jedenfalls habe ihm der Engel mitgeteilt, so der junge Schriftsteller weiter, dass er, der junge Schriftsteller, nicht zu besagter Anzahl gehören werde, er, der alte Schriftsteller, hingegen schon. „Und nun habe ich eine ungeheure Bitte“, sagte der junge Schriftsteller. „Sie muss ihnen ungeheuerlich und unverschämt erscheinen, aber bitte hören Sie sich meine Bitte an. Sie ist mir unerhört wichtig. Wie Sie sich sodann entscheiden, entscheidet über mein Lebensglück.“ Und der junge Schriftsteller bat im Traum den alten Schriftsteller, er möge ihm seinen Platz unter den erfolgreichen Schriftstellern dieser Zeit abtreten. „Sie sind, mit Verlaub, in vorgerücktem Alter“, sagte der junge Schriftsteller. „Ihr Erfolg war bisher, mit Verlaub, mäßig. Aber Sie kamen doch, soweit ich weiß, ganz gut zu Recht. Sie sind, nehme ich an, mit Ihrem Texten zufrieden, sonst hätten Sie ja längst zu schreiben aufgehört. Wozu also brauchen Sie, wenn ich fragen darf, in Ihrem Alter noch Erfolg? Sie haben doch Zufriedenheit. Und nachdem, was man hört, und der Engel, der mir im Traum erschien, hat mir das auf Nachfrage bestätigt, sind Sie ein bescheidener Mensch. Mit wenigem zufrieden, dabei großzügig gegenüber anderen, frei von Eitelkeit und Neid, kurzum ein guter Mensch.“ Der junge Schriftsteller habe im Traum geseufzt. „Ich hingegen“, habe er gesagt, „ich bin von Ehrgeiz zerfressen, kann keinem gönnen, dass seine Texte mehr Aufmerksamkeit bekommen als ich, bin zänkisch, ungerecht, verstricke mich in unsinnige Argumentationen und werde schließlich noch ganz verbittert und wahrscheinlich sogar schreibunfähig enden, wenn ich nicht bald Erfolg habe. Wollen Sie das? Kann ein so herzensguter Mensch wie Sie das wollen? Sie sehen, es ist nicht ohne Grund und Berechtigung, wenn ich Sie um Ihren Platz unter den Erfolgreichen bitte, ich habe das nötig wie einen Bissen Brot.“ Der alte Schriftsteller habe im Traum etwas sagen wollen, aber der junge Schriftsteller habe hinzugesetzt: „Ich verpflichte mich selbstverständlich auf Ehrenwort, wenn ich erst erfolgreich bin und mir die öffentliche Aufmerksamkeit in reichem Maße zukommt, immer nur gut von Ihnen und Ihrem Werk zu sprechen, sodass Sie schließlich, wenn schon nicht Erfolg, denn das ist dann ja nicht mehr möglich, aber doch die Anerkennung von Kennern finden werden, die Ihnen gebührt. Das ist doch auch etwas.“ An dieser Stelle aber sei der alte Schriftsteller aufgewacht und habe nicht gewusst, wie er sich im Traum hätte entscheiden wollen.
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