Mittwoch, 16. September 2026

Märchen (2)

Es war einmal ein Ritter, der wollte ein Drachen erschlagen und sich so einen Namen machen. Also ritt er in den tiefen, riefen Wald hinein, in dem, wie man ihm gesagt hatte, ein Drache hauste. Und tatsächlich gelangte er schließlich zu einer Höhle, die ganz nach einer Drachenhöhle aussah. Der Ritter setzte sich auf seinem Pferde zurecht und legte die Lanze ein. „Komm heraus, du Untier!“, rief er. Nichts geschah. Noch zweimal wiederholte er seine Aufforderung , zunehmen ungehalten darüber, dass er womöglich den ganzen Ritt umsonst gemacht hatte. Da hörte er plötzlich ein Husten aus der Höhle. Und dann humpelte ein mickriger, völlig verschrumpelter Drache heraus, nicht viel größer als eine Katze. „Was!“, rief der Ritter. „Du willst ein das fürchterliche Ungeheuer sein, das die ganze Umgegend in Angst und Schrecken versetzt?“ Der Drache krächzte etwas, bekam aber sofort einen schlimmen Hustenanfall. Dabei schoß ab und zu eine Flamme aus seinem Maul, nicht größer als die eines erlöschenden Streichholzes. „Pass doch auf“, sagte der Ritter streng. „Du verbrennst sonst meinem Pferde noch nicht Hufe.“ Der Drache stand da und glotze den Ritter mit verschwollenen Augen an. „Ach du liebe Zeit“, dachte der Ritter. „Diese kleine Kröte da kann ich nicht erschlagen. Ich habe doch einen Ruf zu verlieren. An so etwas Unbedeutendem, das gleich an Altersschwäche krepiert, mache ich mir doch nicht die Hände schmutzig. Das wäre ja lächerlich. Wenn jemand davon erfährt, werde ich zum Gespött des ganzen Hofes.“ Also wendete der Ritter, ritt davon und aus dem Wald hinaus. Und als er gefragt wurde, wo er gewesen sei, antwortete, man habe ihm über mitgespielt, in dem Wald hause gar kein Drache, er sei ganz umsonst zu einer seiner berühmten Heldentaten aufgebrochen.

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