Sonntag, 18. Januar 2026

Sechs Tanten (III)

Die erste ist uralt.
Die zweite ist alt.
Die dritte ist alterslos.
Die vierte ist jung.
Die fünfte ist blutjung.
Die sechste ist schon lange tot.

Sechs Tanten (II)

Die erste riecht komisch.
Die zweite stinkt zum Himmel.
Die dritte duftet nach Rosen und Veilchen.
Die vierte badet in Nuttendiesel.
Die fünfte frühstückt Knoblauch und Zwiebeln.
Die sechste ist völlig geruchlos.

Sechs Tanten (I)

Die erste ist Admiralin und hofft auf Krieg, um Großadmiralin zu werden.
Die zweite ist Kapitänin, aber nur in ihrer Badewanne.
Die dritte liebt Fischbrötchen.
Die vierte Matrosen.
Die fünfte wird leicht seekrank.
Die sechs ging über Bord.

Montag, 12. Januar 2026

Miniaturen (5)

Er war für gewöhnlich der letzte, der erfuhr, was er zu sagen hatte. Manchmal war es auch zu spät.
 
Er hätte gern die Augen vor der Realität verschlossen, aber er konnte seine Schlüssel nicht finden.
 
Er war nicht gern unter anderen Menschen, aber noch weniger unter denselben.
 
Er blieb am liebsten mit sich allein, obwohl er nur eine sehr geringe Meinung von sich hatte.
 
Er fühlte sich immer von allen beim Nachdenken gestört, wollte aber dringend immer andere wissen lassen, was er gerade dachte.
 
Er legte viel Wert darauf, was Leute von ihm hielten, die ihm im Übrigen völlig egal waren.
 
Er teilte seine eigene Meinung fast nie, jedenfalls nicht auf Dauer, sondern nur vorübergehend.
 
Er stellte den Lehrsatz auf, dass man auf keinen Fall Lehrsätze aufstellen dürfe.
 
Er äußerte mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch duldete, wovon er gerade überzeugt war, aber das konnte im nächsten Augenblick oder morgen oder in einer Woche schon etwas ganz anderes sein.
 
Er verachtete die, die seine Meinung noch teilten, wenn er dieser Meinung bereits nicht mehr war. 

Montag, 15. Dezember 2025

Blumfeld (21)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, saß mit ein paar Bekannten im Kaffeehaus zusammen. Man diskutierte dies und das. Als Blumfeld zur Toilette ging und dort sein Wasser abschlug, stellte er sich vor, wie seltsam es wäre, wenn er zum Tisch zurückkäme, und seine Bekannten hätten schon gezahlt und wären gegangen. Er musste über sich selbst und seine Einfälle schmunzeln. Während er sich die Hände wusch und sie dann abtrocknete, dachte er schon wieder an etwas ganz anderes. Als er schließlich an den Tisch zurückkehrte, waren alle noch da, und Blumfeld fand das seltsam, hätte aber nicht sagen können, warum.

Sonntag, 14. Dezember 2025

Die Fabrik

Dort stellen sie Gott her, in allen Formen, Farben und Größen. Wie es heißt, wird Gott immer noch stark nachgefragt. Man liefert ihn in alle Welt. Der Markt scheint unerschöpflich groß. Fast jeder will einen Gott und, wer schon einen hat, will vielleicht noch zweiten oder dritten und so weiter.
Noch ist nicht geklärt, wozu Gott überhaupt gut ist. Fest steht aber, dass man ihn zu allem gebrauchen kann. So macht jeder mit ihm, was er will. Viele verwenden ihn als Ausrede. Manche hauen ihn anderen um die Ohren. Einige nützen ihn zur Beruhigung, einige zur Anregung, einige nur selten und besitzen ihn bloß für alle Fälle.
Es gibt welche, die sagen, Gott sei der Teufel, andere, der Teufel sei ihr Gott. Und wieder andere leugnen, dass Gott überhaupt existiert. Deren Gott ist dann also das Nichts.
Kritiker behaupten, in der Fabrik werden lediglich Gottesersatz hergestellt. Aber wer will denn so etwas glauben? 

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Blumfeld (20)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, war seit langem mit dem Komponisten Pregelhofer bekannt, nicht aber mit dessen Freund, dem Schriftsteller Riegelhofer. Oder war es umgekehrt? Kannte er Riegelhofer gut, aber nicht Pregelhofer? Oder hat ihm der eine den anderen irgendwann vorgestellt, so dass er seither ein Bekannter von beiden war? Jedenfalls kannte er den Philosophen Hochreither gar nicht. Dessen Tractatus mysticus freilich hatte er gelesen. Er enthielt nach Blumfelds Meinung nur zwei verständliche Sätze, den ersten und den letzten: „Die Welt ist eine Falle“ und „Aber darüber darf ich nichts sagen“. Doch dass Blumfeld das zu verstehen meinte, bedeutete nicht, dass er dem zustimmte. Ganz im Gegenteil.