Donnerstag, 29. Januar 2026

Kleines Welttheater (2)

A: Es waren drei. Drei, verstehst du?
B: Jaja.
A: Genau drei. Nicht zwei, nicht vier oder fünf. Drei.
B: Aha.
A: Es waren drei. Es hätten auch zwei oder vier sein können.
B: Hm.
A: Oder fünf. (Pause) Es waren aber drei.
B: Genau drei?
A: Genau drei.
B: Na dann.

Samstag, 24. Januar 2026

Miniaturen (7)

Was er sich da zurechtgelegt hatte, war ziemlicher Blödsin, und das wusste er. Aber es genügt ihm, um nicht weiter nachdenken zu müssen.
 
Es ging ihm nicht um Wahrheit, sondern darum, seine Ruhe zu haben.
 
Es ging ihm nicht um Gerechtigkeit, sondern darum, dass es feste Regeln geben musste.
 
Die anderen galten ihm alle als Störenfriede oder mögliche Störenfriede.
 
Dass andere Menschen Rechte hatten, verstand er so, dass er daran gehindert werden sollte, das zu tun, was er wollte und was notwendig war.
 
Er wusste immer sehr genau, was zu tun war, aber weil er alles selber machen musste und sich auf niemanden verlassen konnte, vermochte er meistens nur wenig auszurichten.
 
Er fühlte sich fast immer missverstanden. Man neidete ihm offensichtlich seine Fähigkeiten und, wenn sie sich einstellten, seine Erfolge.
 
Er kämpfte stets an mehreren Fronten zugleich.  
 
Wer ihm in die Quere kam, war sein Feind. Und Feinde schaltet man aus. 
 
Er war ein freier Mensch und ließ sich auch zum Nachdenken nur ungern zwingen. 
 
Er war nicht überheblich, wusste aber, dass er immer Recht hatte. Nun gut, manchmal irrte er sich auch, aber dann war er meistens getäuscht worden und zu gutmütig gewesen. Oder man hatte ihm Informationen vorenthalten, die er gebraucht hätte. 
 
Er hatte es mit lauter Dummköpfen, dreisten Lügnern und miesen kleinen Halunken zu tun.

Freitag, 23. Januar 2026

Versuch einer Kafkaeske

Der Ermordete wurde zum Abschluss beschuldigt, seine Mörder beleidigt zu haben. Es gehe nicht an, erklärte der Richter, der in Vertretung des Staatsanwalts die letzten Worte des Henkers verlas, ausgerechnet denen am Zeug flicken zu wollen, die ausschließlich ihre Pflicht als verantwortungslose Verbrecher erfüllt hätten. Man müsse Begangenes endlich auch einmal Begangenes sein lassen. Hier müsse kurzer Prozess gemacht werden. Jemanden zu foltern, zu verstümmeln, zu töten und anschließend zu verhöhnen, sei von Rechts wegen nun einmal lediglich eine Tatsache. Dafür hätte man sich vielleicht gar nicht erst zu entschuldigen brauchen. Folgerichtig bleibe dem Getöteten nach Lage der Dinge nichts weiter übrig, als die Schuld auf sich zu nehmen und anzuerkennen, dass andere die Verantwortung für seinen Hinrichtung längst in vollem Umfang getragen hätten. Aufs Schärfste müsse hingegen die alberne und geradezu herabwürdigende Vorstellung zurückgewiesen werden, verantwortlich zu sein heiße, sich verantworten zu müssen. Wo käme man denn da hin! Bei einem Mord geschehe schließlich niemandem ein Unrecht außer dem Ermordeten. Und der habe es sich demnach selbst zuzuschreiben, wenn man fürderhin nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle. In diesem Sinne, so der Richter, habe schlicht und ergreifend zu gelten: Rübe ab! Ob das hohe Gericht in diesem besonderen Falle es nicht vielleicht doch ein ganz kleines bisschen mit seiner Strenge übertreibe, hätte der für schuldig Befundene vielleicht noch wissen wollen, doch bevor er sich zu Wort melden konnte, war das Urteil längst schon im Voraus vollzogen.
(18./19. Juni 2004) 

Montag, 19. Januar 2026

Miniaturen (6)

Er wollte immer gern etwas für andere tun, kam aber irgendwie nie dazu.
 
Er benahm sich in Gesellschaft stets daneben, weil er andere zu gern darüber belehrte, was sie falsch machten und wie sie es richtig machen müssten.
 
Er sprach gern von seinem Desinteresse an sich selbst.
 
Er sah seine Stärke darin, seine Schwächen offenzulegen. 
 
Er konnte sich seine Unerbittlichkeit nicht verzeihen. 
 
Er war sich seiner Selbstzweifel gewiss. 
 
Er fand, dass ihn andere für seine Bescheidenheit loben sollten.
 
Seine Bedürfnislosigkeit war ihm ein starkes Bedürfnis. 
 
Er wollte immer alles ganz schlicht haben, aber um jeden Preis. 
 
Er setzte seine Anspruchslosigkeit rigoros durch.

Sechs Tanten (X)

Die erste kann nicht rechnen.
Die zweite kann es, will aber nicht.
Die dritte kann es und will es, kommt aber nicht dazu. 
Die vierte hat mal als Milchmädchen gearbeitet.
Die fünfte weiß gar nicht, was Rechen ist.
Die sechste zählt nicht. 

Kleines Welttheater (1)

A: Was hältst du davon?
B: Wovon?
A: Von allem.
B: Ach, nun ja, so dies und das.
A: Das hatte ich mir schon gedacht.
B: Na siehst du ... 

Sonntag, 18. Januar 2026

Gesprächsfetzen (2)

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir dieselbe Sprache sprechen“, sagt einer. „Tzünglix mpféndru lolo phrazzù? fragt ein anderer. Und einer antwortet: „Psöreck mpféndru thräux.“

Sechs Tanten (IX)

Die erste wird die letzte sein.
Die zweite war schon mal da.
Die dritte kehrt immer wieder.
Die vierte bleibt, wo sie ist.
Die fünfte war noch nie irgendwo, wo’s schön ist.
Die sechste holt der Teufel.

Sechs Tanten (VIII)

Die erste kann nicht lesen.
Die zweite kann nicht schreiben.
Die dritte mag keine dicken Bücher.
Die vierte will keine E im Text.
Die fünfte braucht Braille-Schrift.
Die sechste morst.

Sechs Tanten (VII)

Die erste wohnt im Urwald.
Die zweite in der Wüste.
Die dritte unter dem Meer.
Die vierte auf fremden Planeten.
Die fünfte gleich um die Ecke.
Die sechste ist immer unterwegs.

Sechs Tanten (VI)

Die erste ist durchsichtig.
Die zweite ist unsichtbar.
Die dritte ist feinstofflich.
Die vierte existiert nur als Skizze.
Die fünfte als Idee.
Die sechste bleibt unbestimmt.

Sechs Tanten (V)

Die erste kenne ich gar nicht.
Die zweite ist unbekannt verzogen.
Die dritte lebt im Untergrund.
Die vierte ist verschollen.
Die fünfte wurde von Kannibalen verzehrt, bevor ich sie kennen lernen konnte.
Die sechste blieb ungeboren.

Gesprächsfetzen (1)

„Da ist nichts“, sagt einer. „Da soll auch nichts sein“, sagt ein anderer. „Dann ist es ja gut.“

„Wie wäre es … ?“, fragt einer. „Ach, lass mal“, sagt ein anderer. „Dann eben nicht.“

„Das ist doch Quatsch“, sagt einer. „Na, wenn du meinst“, erwidert ein anderer. Beide schweigen.

Sechs Tanten (IV)

Die erste gurrt.
Die zweite zwitschert.
Die dritte tiriliert.
Die vierte keckert.
Die fünfte krächzt.
Die sechste piept.

Sechs Tanten (III)

Die erste ist uralt.
Die zweite ist alt.
Die dritte ist alterslos.
Die vierte ist jung.
Die fünfte ist blutjung.
Die sechste ist schon lange tot.

Sechs Tanten (II)

Die erste riecht komisch.
Die zweite stinkt zum Himmel.
Die dritte duftet nach Rosen und Veilchen.
Die vierte badet in Nuttendiesel.
Die fünfte frühstückt Knoblauch und Zwiebeln.
Die sechste ist völlig geruchlos.

Sechs Tanten (I)

Die erste ist Admiralin und hofft auf Krieg, um Großadmiralin zu werden.
Die zweite ist Kapitänin, aber nur in ihrer Badewanne.
Die dritte liebt Fischbrötchen.
Die vierte Matrosen.
Die fünfte wird leicht seekrank.
Die sechs ging über Bord.

Montag, 12. Januar 2026

Miniaturen (5)

Er war für gewöhnlich der letzte, der erfuhr, was er zu sagen hatte. Manchmal war es auch zu spät.
 
Er hätte gern die Augen vor der Realität verschlossen, aber er konnte seine Schlüssel nicht finden.
 
Er war nicht gern unter anderen Menschen, aber noch weniger unter denselben.
 
Er blieb am liebsten mit sich allein, obwohl er nur eine sehr geringe Meinung von sich hatte.
 
Er fühlte sich immer von allen beim Nachdenken gestört, wollte aber dringend immer andere wissen lassen, was er gerade dachte.
 
Er legte viel Wert darauf, was Leute von ihm hielten, die ihm im Übrigen völlig egal waren.
 
Er teilte seine eigene Meinung fast nie, jedenfalls nicht auf Dauer, sondern nur vorübergehend.
 
Er stellte den Lehrsatz auf, dass man auf keinen Fall Lehrsätze aufstellen dürfe.
 
Er äußerte mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch duldete, wovon er gerade überzeugt war, aber das konnte im nächsten Augenblick oder morgen oder in einer Woche schon etwas ganz anderes sein.
 
Er verachtete die, die seine Meinung noch teilten, wenn er dieser Meinung bereits nicht mehr war.