Samstag, 3. Oktober 2026

Märchen (5)

Es war einmal eine Prinzessin, die wollte keine Prinzessin mehr sein, sondern ein Frosch, genauer gesagt: eine Fröschin. Denn sie hatte von jener anderen Prinzessin gehört, die einen Frosch mit in ihr Schlafzimmer genommen und ihn dort an die Wand geklatscht hatte, so dass er er zu einem Prinzen geworden war, den sie hatte heiraten müssen und der das halbe Königreich bekommen hatte. Etwas derartiges sollte der Prinzessin, die keine Prinzessin mehr sein wollte, nicht passieren, sie lehnte solche patriarchalen Rollenbilder ab. Statt einen ehemaligen Frosch heiraten zu müssen, wollte sie lieber selbst ein Frosch sein, genauer gesagt eine Fröschin. Und so geschah es. Das heißt, es geschah überhaupt nichts. Denn ein Frosch werden zu wollen, genauer gesagt: eine Fröschin, war leeres feministisches Geschwätz ohne irgendeinen Reatitätsbezug, und viele Jahre saß die Prinzessin einfach nur da, ging allen auf die Nerven und blieb genau die Prinzessin, die sie immer schon gewesen war. Doch dann kam eines Tages eine Hexe vorbei und verwandelte sie in einen Frosch, genauer gesagt: in eine Fröschin. Da hüpfte die Fröschin voller Freude hinaus aus dem Schloss und hinein in die supfigen Wiesen, wo ein Klapperstorch sie mit seinem Schnabel aufspießte, in die Luft warf, auffing und verschlang. Und weil sie damals starn, lebt sie heute nicht mehr.

Donnerstag, 17. September 2026

Miniaturen (18)

Er spielte lieber nach eigenen Regeln, als die der anderen zu erlernen.
 
Er betrog nie, er passt nur seine Regeln dem Spielverlauf an.
 
Er war nicht einverstanden mit solchen Regeln, die nur dazu dazu sein schienen, ihm das Gewinnen zu erschweren oder unmöglich zu machen.
 
Er fand, dass er eigentlich immer gewann, dass aber die andere schlechte Verlierer waren, die auf Regeln pochten, die für ihn gar nicht galten.

Mittwoch, 16. September 2026

Märchen (4)

Es war einmal ein Ritter, der war von den Bewohnern eines fernen Landstrichs zu Hilfe gerufen worden, weil ein Drache damit gedroht hatte, die ganze Gegend zu verwüsten und alle Menschen aufzufressen, wenn ihm nicht umgehend und dann wieder an jedem Monatsersten eine Jungfrau ausgeliefert werde. Die erste Jungfrau sei schon ausgeliefert worden, nun solle doch bitte der Ritter Abhilfe schaffen und den Drachen erschlagen. Der zu Hilfe gerufene Held machte sich also auf, traf den Drachen vor seine Höhle an, neben ihm eine junge Frau. „Ha, du Ungeheuer!“, rief der Ritter. „Du willst wohl gerade die Jungfrau verspeisen. Na, dir werd ich ...“ Der Drache unterbrach: „Also da muss ich gleich mal unterbrechen. Von wegen Jungfrau! Ich wurde hereingelegt. Schau dir diese kleine Schickse doch mal an, die hat schon so manchen drübergelassen.“ Dem Ritter stieg die Schamesröte ins Gesicht. Er hörte nicht gern von solchen Dingen, dazu war er zu keusch und rein. Die Situation überforderte ihn. Wenn der Drache die Wahrheit sagte und das Mädchen gar nicht fressen wollte, gab es auch keinen Grund, ihn auf der Stelle zu erschlagen. Der Ritter war ratlos. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er mit belegter Stimme. „Wir machen gar nichts“, antworte der Drache. „Die junge Dame hier kann sich nach Hause trollen, ich such mir eine andere Gegend, in der es vielleicht noch echte Jungfrauen gibt, und du machst, was du willst.“ Und so geschah es dann auch. Jeder ging seines Weges. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Die Hure als Hure, der Ritter als Ritter und der Drache als Drache.

Märchen (3)

Es war einmal ein Ritter, den der König eines fernen Landes zu Hilfe gerufen hatte, weil ein böser Drache gedroht hatte, die ganze Gegend zu verwüsten und alle Menschen aufzufressen, wenn ihm nicht des Königs Tochter ausgeliefert werde. Der verängstigte Vater versprach dem Ritter, wenn er die Prinzessin rette, werde er sie zur Frau bekommen und das halbe Königreich noch dazu. Der Ritter machte sich also auf zu der Stelle, wo man die Königstochter festgebunden hatte, damit der Drache sie holen konnte. Und tatsächlich, das Untier saß schon da neben der hysterisch kreischenden Jungfrau. Der Ritter verliebte sich sofort Hals über Kopf in den wunderschönen Drachen, der seinerseits an dem schmucken jungen Ritter Gefallen zu finden schien. Also ließen sie die Prinzessin Prinzessin sein und machten sich auf und davon. Der König aber musste seine Tochter behalten und das ganze Königreich noch dazu.

Märchen (2)

Es war einmal ein Ritter, der wollte ein Drachen erschlagen und sich so einen Namen machen. Also ritt er in den tiefen, riefen Wald hinein, in dem, wie man ihm gesagt hatte, ein Drache hauste. Und tatsächlich gelangte er schließlich zu einer Höhle, die ganz nach einer Drachenhöhle aussah. Der Ritter setzte sich auf seinem Pferde zurecht und legte die Lanze ein. „Komm heraus, du Untier!“, rief er. Nichts geschah. Noch zweimal wiederholte er seine Aufforderung , zunehmen ungehalten darüber, dass er womöglich den ganzen Ritt umsonst gemacht hatte. Da hörte er plötzlich ein Husten aus der Höhle. Und dann humpelte ein mickriger, völlig verschrumpelter Drache heraus, nicht viel größer als eine Katze. „Was!“, rief der Ritter. „Du willst ein das fürchterliche Ungeheuer sein, das die ganze Umgegend in Angst und Schrecken versetzt?“ Der Drache krächzte etwas, bekam aber sofort einen schlimmen Hustenanfall. Dabei schoß ab und zu eine Flamme aus seinem Maul, nicht größer als die eines erlöschenden Streichholzes. „Pass doch auf“, sagte der Ritter streng. „Du verbrennst sonst meinem Pferde noch nicht Hufe.“ Der Drache stand da und glotze den Ritter mit verschwollenen Augen an. „Ach du liebe Zeit“, dachte der Ritter. „Diese kleine Kröte da kann ich nicht erschlagen. Ich habe doch einen Ruf zu verlieren. An so etwas Unbedeutendem, das gleich an Altersschwäche krepiert, mache ich mir doch nicht die Hände schmutzig. Das wäre ja lächerlich. Wenn jemand davon erfährt, werde ich zum Gespött des ganzen Hofes.“ Also wendete der Ritter, ritt davon und aus dem Wald hinaus. Und als er gefragt wurde, wo er gewesen sei, antwortete, man habe ihm über mitgespielt, in dem Wald hause gar kein Drache, er sei ganz umsonst zu einer seiner berühmten Heldentaten aufgebrochen.

Donnerstag, 10. September 2026

Miniaturen (17)

Er war durchaus damit einverstanden, dass er nur auf den Papier stand und nicht aus Fleisch und Blut war.
 
Er begrüßte es sehr, mit der Hand geschrieben worden zu sein und nicht bloß in eine Taststatur getippt und rechnerisch auf einem Bildschirm erzeugt. 
 
Er hatte überhaupt keine Einwände dagegen, umgeschrieben und wieder umgeschrieben zu werden, im Gegenteil, er fand, dass ihm das erst seinen eigentümlich Charakter verlieh.
 
Er hätte es allerdings nicht gern gesehen, ganz gestrichen zu werden. Aber wie hätte er sich, falls es dazu käme, darüber beschweren können?

Dienstag, 8. September 2026

Märchen (1)

Es war einmal ein Ritter, der auszog, um einen Drachen zu erschlagen. Niemand hatte ihn damit beauftragt, und er tat es auch nicht, um sich einen Namen zu machen, sondern er hatte bloß gehört, der Drache sei ein unausstehliches Mitvieh und terrorisiere die ganze Gegend. Und dazu sind Ritter schließlich da, nicht wahr, dass sie die Menschen von Drachen befreien, die ihnen auf die eine oder andere Weise lästig sind. Man konnte nun nicht gerade sagen, der Ritter habe wahnsinnig viel Erfahrung mit dem Erschlagen von Drachen gehabt. Man hätte eher sagen können, dass es sein erstes Mal werden sollte. Der Ritter war also verständlicherweise ein wenig aufgeregt. Man hätte auch sagen können, ihm ging der Arsch auf Grundeis. Als er so in den dunklen Wald hineinritt, in dem sich die Höhle des Untiers befinden sollte, hätte man nicht sagen können, ob es seine Rüstung sei, die laut klapperte, oder seine Zähne. Jedenfalls kam der Ritter schließlich bei der Höhle an. Er nahm Aufstellung nach allen Regeln der ritterlichen Kunst, richtete die Lanze auf den Höhleneingang und rief mit belegter Stimme: „Komm heraus, du unausstehliches Mistvieh!“ Er wartete in höchster Erregung. Nichts geschah. „Komm heraus, Drache!“ Nichts. Gar nichts. Da stieg der Ritter vom Pferd, nahm allen seinen Mut zusammen, viel war es ja nicht, und ging in die Höhle hinein. Sie war leer. Der Ritter seufzte erleichtert. Er war aber auch enttäuscht. Und verwirrt. Er wusste nicht, was nun zu tun war. Der Ritter verließ die Höhle wieder, lehnte seine Lanze an einen Baum und setzte sich auf einen Felsbrocken, um in Ruhe nachzudenken. Sein Pferd, sich selbst überlassen, graste derweil in einiger Entfernung, als ginge es das alles nichts an. Tat es ja eigentlich auch nicht. Bei so einen Kampf mit einem Drachen konnte es zwar draufgehen, aber wenn der Drache erfolgreich erschlagen wurde, hatte es auch nichts davon. Der Ritter überlegte. Irgendwann würde der Drache wohl wiederkommen. Ihn in der Höhle zu erwarten, wäre dumm, da hätte der Drache, möglicher Überraschung zum Trotz, einen Vorteil. Ebenso, wenn der Ritter vor der Höhle auf ihn wartete, da sähe ihn der Drache nämlich schon aus einiger Entfernung. War es überhaupt ein fliegender oder ein kriechende Drache? Der Ritter wusste es nicht. Sich im Wald zu verbergen und darauf zu lauern, dass der Drache käme, kam dem Ritter irgendwie eines Ritters unwürdig vor. Und überhaupt, wie lange sollte er warten? Stunden? Tage? Er hatte nichts zu essen und zu trinken dabei. Was, wenn er vor Müdigkeit einschliefe? Wenn es dunkel würde? Im Finstern gegen einen Drachen zu kämpfen, ob der nun Feuer zu speien vermochte oder nicht, wäre wirklich dumm, fand der Ritter. Er war unzufrieden. Seine Angst war verflogen und einem gewissen Ärger gewichen. Das Ganze war ein blöder Einfall gewesen. Er hatte sich da auf bloßes Hörensagen hin auf irgendetwas eingelassen und sich schlecht vorbereitet. So ging das nicht. Am besten, beschloss der Ritter, er beendete die Sache jetzt. Also stieg er auf sein Pferd und ritt dorthin zurück, wo er hergekommen war. Unterwegs überlegte er, was er den Leuten erzählen solle. Aber was ging denn die Leute sein Kampf mit dem Drachen überhaupt an?

Freitag, 28. August 2026

Miniaturen (16)

Er war nicht recht bei der Sache und stellte später fest, dass es gar keine Sache mehr gab.

Er gefiel sich darin, ein Fachmann zu sein, was aber nur bedeutete, dass er in einem bestimmten Bereich etwas weniger unwissend war als in allen anderen.

Er verstand sich gut auf etwas, wusste das aber nicht und hatte darum nichts davon.

Er verlegte sich auf etwas, von dem er nicht einmal ansatzweise begriff, was es war.

Er kümmerte sich mit Vorliebe um dinge, die ihn nichts angingen, und und vernachlässigte, was eigentlich seine Aufgabe gewesen würen.

Er fühlte sich dazu berufen, einer Berufung nachzugehen, hatte sich aber noch nicht dafür so recht entscheiden können, welche das sein sollte.

Er nah es auf sich, alles zu unterlassen, was er nicht tun wollte.

Er arbeitete sich unermüdlich daran ab, die für ihn geeignete Beschäftigung nicht zu finden.

Donnerstag, 27. August 2026

Miniaturen (15)

Er dachte, er denke nach, aber tatsächlich träumte er nur, dass er dachte.
 
Er träumte, er träume, und tatsächlich träumte er auch.

Dienstag, 25. August 2026

Miniaturen (14)

Er wunderte sich darüber, was man mit Wörtern alles machen konnte. Zum Beispiel ihn erfinden.
 
Er mochte sogenannte fremde Sprachen lieber als die sogenannte eigene. Die kam ihm oft besonders fremd vor.
 
Er schrieb nichts auf, was er nicht zuvor in Gedanken gehört hatte.
 
Er freute sich, dass das Gesprochene verging (wenn es denn verging und nicht künstlich konserviert wurde), und scheute das Geschriebene, weil es ihm wie unverdauliche Knochen vorkam, von denen jemand alles Fleisch genagt hatte. Oder meinetwegen wie eine leere Grabkammer, die Grabräuber schon längst ausgeräumt hatten.
 
Er machte sich Notizen, um Gedachtes loszuwerden.
 
Er stieß manchmal auf früher von ihm Geschriebenes, und wäre es nicht unabweisbar seine Handschrift gewesen, er hätte nichts wiedererkannt und die Verfasserschaft abgestritten.

Sonntag, 9. August 2026

Miniaturen (13)

Er dachte darüber nach, ob vielleicht gar nicht so lächerlich sei, wie er sich vorkomme, kam dann aber zu dem Schluss, dass er es sehr wohl sei.
 
Er ärgerte sich über sich selbst, hatte aber gerade niemanden, dem er davon hätte erzählen können, als nur sich sich selbst, und auch das ärgerte ihn.
 
Er überlegte, warum sich so viele, wie man sagte, aus Verzweiflung umbrachten, aber keiner aus Wut, wo doch Wut, wie er fand, ein viel besserer Grund für ein Mord sei.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Vier neue Götter

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber de Leute kümmert es nicht. Sie haben zu viel zu tun, mit sich selbst und ihren Geschäften, da kann man auf irgendwelche Gerüchte von irgendwelchen neuen Göttern nichts geben. Was soll das auch bringen? Götter gibt es schon genug. Und was nützen einem die? Gewiss, man muss sie hin und wieder verehren, aber so richtig kann man nicht an sie glauben und verspricht sich auch nur wenig von ihnen.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, und die Leute strömen im Massen herbei, um ihn zu bestaunen. Noch wissen sie nichts über ihn und fühlen sich zu nichts verpflichtet, das ist aufregend. Dass ausgerechnet dieser hier das Heil bringen könnte, glauben sie zwar noch nicht, aber wer weiß, vielleicht macht er seine Sache unerwartet gut und rettet ihre Leben.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber keiner weiß davon.

Ein neuer Gott ist in der Stadt, aber die alten Götter weigern sich zusammenzurücken, um ihm Platz zu machen. Sie seien ohnehin schon zu viele, da passe keiner mehr dazu. Was sie nicht wissen: Sie werden verschwinden und der neue Gott wird als einziger übrigbleiben.

Dienstag, 26. Mai 2026

Miniaturen (12)

Als der Vulkan ausbrach, fürchtete er sich nicht, sondern freute sich sehr darüber, derlei sozusagen am eigenen Leib erleben zu können. Er floh zwar mit den anderen, war aber weniger darum besorgt, sich in Sicherheit zu bringen, als vielmehr, möglichst viel von dem Ereignis mitzubekommen.
 
Schon beim ersten Verhör gab er zu, ein Feind der herrschenden Partei zu sein und redete sich um Kopf und Kragen. „Was haben wir mit euch zu schaffen“, sagte er laut und erregt, „ihr seid uns aufgezwungen worden, mit Waffengewalt, von einer fremden Macht, nicht durch irgendeine Revolution, schon gar nicht eine proletarische, sondern ...“ ― „Das genügt!“, schrie der Vernehmungsbeamte. Man packte ihn, schleppte ihn zurück in seine Zelle und verprügelte ihn.
 
Er war aus einem Land zurückgekehrt, in dem er lange gelebt und sich immer fremd gefühlt hatte, fühlte sich aber jetzt auch hier, in der sogenanntem alten Heimat, durchaus fremd.
 
Die Reise war kurz gewesen, und ebenso viele Tage, wie er unterwegs gewesen war, war er nun schon wieder zurück, und doch erschien ihm die Zeit dort viel länger als die Zeit hier.
 
Er hatte vorab beschlossen, sich während seines Aufenthaltes in fremder Gegend von nichts beeindrucken zu lassen, und war schließlich enttäuscht, wie leicht ihm das fiel.

Dienstag, 19. Mai 2026

Ein Traum eines alten Schriftstellers

Einem alten Schriftsteller träumte, ein junger Schriftsteller sei zu ihm gekommen und habe gesagt, ihm sei im Traum ein Engel erschienen und habe ihm gesagt, dass es auf Grund göttlichen Ratschlusses zu jeder Zeit nur eine begrenzte Anzahl guter und erfolgreicher Schriftsteller geben dürfe. „Fragen Sie mich nicht, warum“, sagte der junge Schriftsteller im Traum. „Ich habe es selbst nicht so recht verstanden. Irgendwas mit kosmischer Ordnung.“ Jedenfalls habe ihm der Engel mitgeteilt, so der junge Schriftsteller weiter, dass er, der junge Schriftsteller, nicht zu besagter Anzahl gehören werde, er, der alte Schriftsteller, hingegen schon. „Und nun habe ich eine ungeheure Bitte“, sagte der junge Schriftsteller. „Sie muss ihnen ungeheuerlich und unverschämt erscheinen, aber bitte hören Sie sich meine Bitte an. Sie ist mir unerhört wichtig. Wie Sie sich sodann entscheiden, entscheidet über mein Lebensglück.“ Und der junge Schriftsteller bat im Traum den alten Schriftsteller, er möge ihm seinen Platz unter den erfolgreichen Schriftstellern dieser Zeit abtreten. „Sie sind, mit Verlaub, in vorgerücktem Alter“, sagte der junge Schriftsteller. „Ihr Erfolg war bisher, mit Verlaub, mäßig. Aber Sie kamen doch, soweit ich weiß, ganz gut zu Recht. Sie sind, nehme ich an, mit Ihrem Texten zufrieden, sonst hätten Sie ja längst zu schreiben aufgehört. Wozu also brauchen Sie, wenn ich fragen darf, in Ihrem Alter noch Erfolg? Sie haben doch Zufriedenheit. Und nachdem, was man hört, und der Engel, der mir im Traum erschien, hat mir das auf Nachfrage bestätigt, sind Sie ein bescheidener Mensch. Mit wenigem zufrieden, dabei großzügig gegenüber anderen, frei von Eitelkeit und Neid, kurzum ein guter Mensch.“ Der junge Schriftsteller habe im Traum geseufzt. „Ich hingegen“, habe er gesagt, „ich bin von Ehrgeiz zerfressen, kann keinem gönnen, dass seine Texte mehr Aufmerksamkeit bekommen als ich, bin zänkisch, ungerecht, verstricke mich in unsinnige Argumentationen und werde schließlich noch ganz verbittert und wahrscheinlich sogar schreibunfähig enden, wenn ich nicht bald Erfolg habe. Wollen Sie das? Kann ein so herzensguter Mensch wie Sie das wollen? Sie sehen, es ist nicht ohne Grund und Berechtigung, wenn ich Sie um Ihren Platz unter den Erfolgreichen bitte, ich habe das nötig wie einen Bissen Brot.“ Der alte Schriftsteller habe im Traum etwas sagen wollen, aber der junge Schriftsteller habe hinzugesetzt: „Ich verpflichte mich selbstverständlich auf Ehrenwort, wenn ich erst erfolgreich bin und mir die öffentliche Aufmerksamkeit in reichem Maße zukommt, immer nur gut von Ihnen und Ihrem Werk zu sprechen, sodass Sie schließlich, wenn schon nicht Erfolg, denn das ist dann ja nicht mehr möglich, aber doch die Anerkennung von Kennern finden werden, die Ihnen gebührt. Das ist doch auch etwas.“ An dieser Stelle aber sei der alte Schriftsteller aufgewacht und habe nicht gewusst, wie er sich im Traum hätte entscheiden wollen.

Samstag, 16. Mai 2026

Blumfeld (26)

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, war sehr erleichtert, dass er seine alte Bedienerin endlich losgeworden war. Schon seit langem hatte er es mit der Nechvatal kaum noch auszuhalten. Immer schon war sie einfältig, neugierig, klatschsüchtig gewesen, zudem unzuverlässig und unsauber, in letzter Zeit auch noch zänkisch und geradezu bösartig. Blumfeld hatte immer mehr befürchten müssen, dass sie irgendetwas über ihn herausbekommen oder, auch nicht besser, erfinden und dann herumtratschen könnte. Nicht, dass Blumfeld sich um seinen Ruf sorgte, aber es hätte ihm gar nicht gefallen, die Aufmerksamkeit der Obrigkeit zu erregen. Nun, seit er der Nechvatal gekündigt hatte, war die Gefahr bestimmt nicht geringer geworden, dass sie hinter seinem Rücken allerhand Gerüchte streute, aber Blumfeld versuchte, nicht daran zu denken, und hoffte, die klügeren Leute würden derlei einfach für das rachsüchtiges Geschwätz einer Einfältigen halten, das es ja auch war. Mit seiner neuen Bedienerin, für die sich Blumfeld erst einen Namen ausdenken musste, war er jedenfalls sehr zufrieden. Still und in sich gekehrt, fleißig und umsichtig, sorgfältig und tatkräftig, erledigte sie in kürzerer Zeit weit mehr als die Nechvatal, kam aber öfter, musste weniger beaufsichtigt werden, wusch nicht nur auf und staubte ab, sie kümmerte sich auch um die Wäsche und ab und zu kochte, briet oder buk sie sogar nebenher kleine Leckereien. Blumfeld war’s zufrieden.

Donnerstag, 16. April 2026

Miniaturen (11)

Er kannte seine Grenzen durchaus und überschritt sie, beherzt, aber nicht rücksichtslos.
 
Er wollte jemand sein, den ihm niemand zutraute. Doch als er es geworden war, musste er feststellen, dass er niemanden interessierte.
 
Er wollte niemandem überlegen sein, nicht einmal sich selbst. Oder nur ein bisschen.
 
Er warf sich vor, sich zu wenig für das zu interessieren, was andere machten. Was er machte, interessierte andere überhaupt nicht.
 
Er verschwendete sich. Aber nur so konnte er wenigstens ein bisschen was zu Stande bringen

Montag, 6. April 2026

Der Leser des Schriftstellers des Lesers

Der Leser ist nicht wie der Schriftsteller, der Schriftsteller ist ihm fremd, er kennt ihn nicht nur nicht, er wird ihn auch niemals kennenlernen, jedenfalls nicht aus seinen Texten. Jede Vorstellung, die der Leser sich vom Schriftsteller macht, ist falsch, und selbst wenn sie richtig wäre, würde er es nie wissen, darum ist eher anzunehmen, dass sie falsch ist. Der Leser ist anders als der Schriftsteller, dieser ist nicht von seiner Art, er ist eigenartig, andersartig, er hat womöglich Charakterzüge, Lebensgewohnheiten, Existenzgrundlagen, die nicht die des Lesers sind, seine Erfahrungen, seine Wünsche und Ängste sind dem Leser unbekannt, aber kennte er sie, wären sie ihm fremd und unverständlich, sie stießen ihn ab, sofern sie ihn nicht völlig gleichgültig ließen.
Darum sind dem Leser auch die Texte des Schriftstellers fremd und unverständlich. Sie sind ihm ein Rätsel. Er versteht nicht, warum und wozu sie geschrieben wurden, weshalb sie so geschrieben wurden, wie sie geschrieben wurden. Der Leser begreift nicht, worum es in den Texten des Schriftstellers geht, ja nicht einmal, ob es darin überhaupt um irgendetwas geht. Er kann die Handlung nicht nachvollziehen, sei es, dass sie zu verwickelt und unübersichtlich ist oder dass sie unzureichend oder unvollständig dargestellt wird, oder sei es, dass es gar keine richtige Handlung gibt. Anscheinend wird in den Texten des Schriftstellers irgendwas erzählt, aber was? Das ist nicht herauszubekommen. Von irgendwelchen Leuten ist die Rede, aber wer sind sie?
Der Leser findet die Figuren in den Texten des Schriftstellers völlig unanschaulich. Sie tragen bizarre Namen oder völlig banale oder gar keine, aber sie keine Gesichter, keine Umrisse, kein erkennbares, gleichbleibendes, gut einschätzbares Innenleben, keine andere Geschichte. als die, die da steht. Der Leser kann sich mit den Figuren in den Texten des Schriftstellers nicht identifizieren. Das will er aber, das ist er gewohnt, darauf hat er doch ein Anrecht. Der Schriftsteller soll schreiben, was der Leser kennt oder zu kennen meint oder kennenlernen will. Der Schriftsteller schreibt aber anderes. Der Leser will nicht, was der Schriftsteller schreibt. Er will es nicht deshalb nicht, weil es rätselhaft ist, denn Rätsel kann man lösen, sondern er will es nicht, weil es nichts mit ihm zu tun hat, weil es irgendwie gegen ihn gerichtet ist, sich ihm nicht andient, ihn zu irgendetwas herauszufordern scheint, statt ihm zu erlauben, sich zu versenken, sich zu zerstreuen, sich unverbindlich zu identifizieren und vom eigenen Leben vorübergehend abzulenken. Der Leser verachtet die Ansprüche des Schriftstellers, die weltfremd sind und überzogen und hochnäsig, die nichts mit dem Leser zu zu haben. Der Leser will lesen, was er will, nicht, was der Schriftsteller schreibt, weil er will, dass der Leser es liest.Der Leser hält nichts vom Schriftsteller, und seinen unmöglichen Texten, und hat völlig Recht.

Sonntag, 5. April 2026

Irgendein Schriftsteller

Ein Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, somit nicht unbedingt der Schriftsteller, der dies hier geschrieben hat, vielleicht aber doch, irgendein Schriftsteller, kein bestimmter, sozusagen ein beliebiger, aber doch immerhin einer, von dem das gesagt werden kann, was gesagt worden sein wird, irgendein Schriftsteller also saß in einem Kaffeehaus, irgendwo, an keinem bestimmten Ort, in irgendeiner Stadt freilich, in der es halbwegs gute Kaffeehäuser gibt, dort also saß in irgendeinem Kaffeehaus irgendein Schriftsteller, trank Tee, las und schrieb.
Dazusitzen, Tee zu trinken, zu lesen und zu schreiben, war nicht nur sein Beruf, sondern eine Lebensweise. Es war die Weise, wie er seinen Beruf, der ein Gutteil seines Leben ausmachte, der sozusagen sein Lebensinhalt war, auszuüben pflegte, jedenfalls den Teil, der aus Schreiben, Nachdenken, Lesen und Teetrinken bestand. Zugegebenermaßen ist zum Teetrinken, Lesen, Schreiben und erst recht zum Nachdenken ein Kaffeehaus nicht unbedingt nötig, das hätte er auch zu Hause oder anderswo erledigen können und tat es ja auch, öfter sogar, als im Kaffeehaus. Aber das Kaffeehaus war eine angenehme Zutat. Dort war er eben gerade nicht zu Hause, war nicht nicht, wie er es nannte, in seinem Gehäuse, sondern irgendwie im Fremden und Freien, also zwar drinnen, aber doch draußen, an einem wohlvertrauten Ort, sogar dann, wenn er irgendein Kaffeehaus zum ersten Mal besuchte, der freilich fremden Leuten gehörte, von fremden Leuten betrieben und besucht wurde. Man kümmerte sich dort nur so viel um ihn, als nötig war, ansonsten ließ man ihn in Ruhe, ohne dass er deshalb allein gewesen wäre, selbst wenn die anderen Gäste nicht zahlreich waren, es gab immer Bewegung, Kommen und Gehen, Sprechen und Flüstern, Rascheln und Rumpeln, Klimpern und Zischen. Das Kaffeehaus war ein Ort, wo er für sich sein konnte und doch unter Leuten war.
Das war ein guter Ort um nachzudenken, um ein mitgebrachtes Buch zu lesen und um sich Notizen zu machen. Man könnte sagen, der Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, fand die Umgebung anregend. Unwillkürlich beobachte er dies und das, legte es aber nie darauf an, und was er schrieb, hatte fast nie das zum Gegenstand, was er im Kaffeehaus wahrnahm. Niemals las er die ausgelegten Zeitungen oder Zeitschriften, immer hatte er ein zwei Bücher dabei. Manchmal eines, das er von Zuhause mitgebracht hatte, um im Kaffeehaus etwas zu lesen zu haben, und dann ein zweites, dass er auf dem weg ins Kaffeehaus gekauft hatte, in irgendeiner Buchhandlung oder einem Antiquariat. Es konnten selbstverständlich auch drei oder mehr Bücher sein, die er mit sich führte. Davon lag dann aber immer nur eines auf dem kleinen Tisch vor ihm. Es wäre ihm lächerlich erschienen, alle Bücher vor sich aufzustapeln, angeberisch, als sei er irgendein Schriftsteller, der das Kaffeehaus in sein Gehäuse verwandle, in seine Schreibstube. Ihm lag und stand ohnehin schon fast zu viel auf dem Tisch: das Teegeschirr, das Federmäppchen, das Notizheft und eben ein Buch. Damit ließ sich arbeiten.
So gesehen hätte er auch irgendein Tourist sein können, der sich Reisenotizen machte und einen Reiseführer oder sonst irgendwelche Reiseliteratur studierte. Und tatsächlich machte sich der Schriftsteller, irgendein Schriftsteller, ein beliebiger sozusagen, auf Reisen immer in Kaffeehäusern oder deren Ersatz Notizen und las, manchmal über die Orte, die er besuchte, manchmal ganz etwas anderes. Auf Reisen wollte er keinesfalls mit irgendeinem Touristen verwechselt werden, die Kellner sollten ihn eher für irgendeinen Schriftsteller halten, sozusagen erraten, dass er einer war, trotz der wenigen Hinweise, die er ihnen gab, einen reisenden Schriftsteller, eine Kulturpilger, wie er es nannte, aber den Kellnern war es bestimmt egal, wer und was er war.
Für sich selbst war dieser Schriftsteller keineswegs irgendein Schriftsteller. Er war er selbst und schrieb, wie er schrieb. Er veröffentlichte und man konnte lesen, was er geschrieben hatte. Dann konnte man wissen, dass er nicht irgend ein Schriftsteller war, sondern genau dieser. Was aber zugegebenermaßen gerade bedeutete, einer von vielen zu sein, von sehr vielen, also eben doch irgendeiner.
Um auf das Kaffeehaus zurückzukommen, wo er saß, Teetrank, las und schrieb, dort war er, wie er fand, einigermaßen er selbst, sozusagen von außen definiert als Gast und von innen bestimmt als vom Wahrnehmen, Nachdenken, Aufschreiben. Was er m Kaffeehaus schrieb, war gleichsam nicht im Kaffeehaus, denn er zeigte es ja dort niemandem, las es niemandem vor, er allein kannte es. Zugleich war es ihm äußerlich, in einem für alle Welt ― oder zumindest für manche im Kaffeehaus ― sichtbaren Notizheft festgehalten, mit Tinte auf Papier, als ein Ding unter Dingen. Während sonst das Geistige, wie er es nannte, sozusagen grenzenlos war, unbestimmt, ihn ganz und gar umgab und durchdrang, war es hier, wo er saß, Tee trank, las und schrieb, ein fest umrissenes Geschehen, jedenfalls konnte er es sich so zu verstehen geben, er erlebte es so, um ihn herum war Fremde und Unverstandenes, er aber praktizierte mit seinem Füllfederhalter seine Gedanken aufs Papier, das er mitnehmen würde, auswerten, übertragen, überarbeiten, mit anderem verbinden, vielleicht veröffentlichen. Während zu Hause alles Schriftstellerei war oder deren Unterbrechung, Ablenkung, Störung, störte hier nichts, die Welt wollte nichts von ihm, er war mit seiner vorübergegangen Lage zufrieden, und der Schreibfluss war ungewöhnlich anhaltend und das Geschriebene oft sehr gut, auch im Rückblick.
Zum Glück traf er im Kaffeehaus fast nie auf Bekannte, mit denen er hätte reden müssen. Er wollte ja das Unbekannte in vertrauter Umgebung, die anregende Fremde, nicht fremde Anregungen und das sinnlose Leben anderer. Deren Erzählungen bedeuteten ihm nichts. Nicht hier. Er war gern bereit, zuzuhören, Anteil zu nehmen, auf Wunsch etwas zu sagen. Aber an anderem Ort, zu anderer Zeit. Hier im Kaffeehaus wollte er arbeiten.
Es war für ihn der richtige Ort. Für ihn, irgendeinen Schriftsteller, nicht unbedingt den Schriftsteller, der dies hier geschrieben hat, vielleicht aber doch, für irgendeinen Schriftsteller, keinen bestimmten, sozusagen einen beliebigen, aber doch immerhin einen, von dem das gesagt werden kann, was gesagt wurde. Für einen, der im Kaffeehaus sitzt, statt zu dschoggen, der Tee trinkt, statt einen wässrigen Gemüse- und Obstbrei, der liest, statt Bilder und Nachrichtenschnippsel zu tschecken, der nachdenkt, statt sich informieren zu lassen, der schreibt, statt zu tippen. Irgendwelche Schriftsteller machen das bestimmt, aber er nicht. Er sitzt im Kaffeehaus, trinkt Tee, liest und schreibt. Oder er könnte es tun. Er täte es gern. Er wird es wieder tun.

Montag, 16. März 2026

Ein Geständnis

Als ihm sein Onkel, der Bruder seines Vaters, dann schließlich gestand, dass sein Vater gar nicht sein Vater sei, sondern dass vielmehr er, der Onkel, in Wahrheit sein Vater sei, war er weniger überrascht, als man es von ihm anscheinend erwartet hatte. Er hatte etwas Derartiges schon vermutet, wenn auch erst seit kurzem. Gespräche zwischen seiner Mutter und ihrem Schwager, also dem Onkel, die plötzlich verstummten, wenn er ins Zimmer kam, hatten ihn nach einigem Nachdenken erraten lassen, worum es ging. Immer schon war ihm das verdruckste Verhältnis von Mutter und Onkel merkwürdig vorgekommen. Dass da zwischen ihnen etwas war, was nicht zur Sprache kommen sollte, war seit jeher offensichtlich gewesen. Nun also war sein Onkel sein Vater. Im Grunde war ihm das völlig gleichgültig. Er hatte immer ein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater gehabt, ein distanziertes, kühles, sprachloses, und das Verhältnis zu seinem Onkel, sondern man von einem solchen überhaupt sprechen konnte. war noch schlechter gewesen. Er fühlte sich weder mit dem eine noch mit dem anderen Mann verbunden. Sein vermeintlicher Vater war vor einigen Jahren gestorben, nun hatte er wieder einen Vater, der noch lebte. Insgeheim hoffte er, der Grund, warum der Onkel, der sein Vater war, das Geheimnis, das er jahrzehntelang gehütet hatte, jetzt verriet, eine schwere, unheilbare Krankheit, dass es nur noch um Monate, vielleicht nur Wochen ging. Das war gewiss herzlos, aber die Vorstellung, der Onkel erwarte nun, da er sich ihm als Vater offenbart hatte, eine Beziehung zu seinem neugewonnenen Sohn aufzubauen, war ihm äußert unangenehm. Wozu sollte das gut sein? Gewiss, wenn der Mann sterben musste und vor seinem Tod noch reinen Tisch hatte machen wollen, war das verständlich, aber ihm selbst bedeutete es nichts und er wollte nicht, dass daraus irgendetwas Lästiges, irgendwelche Verpflichtungen folgten. Er hatte damals an der Beerdigung seines Vaters teilgenommen und er würde auch an der Beerdigung seines Onkels teilnehmen, ob nun als Neffe oder als leiblicher Sohn, aber nur, weil man das eben so machte, er würde nicht trauern, wie er ja auch damals nicht getrauert hatte, warum auch, da war nichts, was Trauer oder auch nur Bedauern hätte auslösen können, nur ein Gefühl der Leere, was aber doch besser war als Hass. Auch seine Mutter würde er, wenn es einmal so weit wäre, nicht betrauern, das wusste er, er konnte diese Frau nicht leiden, die ihn nie verstanden oder unterstützt, aber ihn immer zu gängeln versucht hatte. Er empfand nichts für sie, auch wenn er sich sorgfältig um ihre Pflege kümmerte, weil er das für seine Pflicht hielt. Nein, er war keineswegs gefühlskalt, er liebte die Menschen, die er liebt, er hatte Freunde, mit denen er sich verbunden fühlte, er mochte seine Kollegen und viele seiner Kunden, aber er war nicht bereit, in der Familie oder sonstwo Gefühle zu heucheln, wenn er keine empfand. Er wollte auch nicht hassen oder sich selbst bemitleiden, weil er keine besseren Eltern gehabt hatte, das lag hinter ihm, es war, wie es war. Das Geständnis der Onkel erklärte vielleicht manches, aber im Grunde war es dafür zu spät. Ob übrigens seine Cousins, die Söhne seines Onkels, schon wussten, dass er eigentlich ihr Halbbruder war? Als Kinder waren sie immer ekelhaft zu ihm gewesen, hatten ihn gequält und gedemütigt, wann immer sie es konnten, und dann, von Erwachsenen zur Rede gestellt, hatten sie immer die Unschuldslämmer gespielt und alles abgestritten. Darum war es ihm immer eine gewisse Genugtuung gewesen, dass aus allen dreien Versager geworden waren. Einer führte jedes Geschäft, das er anfing, in die Pleite, einer soff und prügelte Frau und Kinder, der dritte war drogenabhängig und als Kleinkrimineller mehrfach im Gefängnis gewesen. Das waren also nun seine Halbbrüder. Er gönnte ihnen das bisschen Erbe des Onkels, ihres gemeinsamen Vaters, und würde keine Ansprüche stellen. Überhaupt wollte er, wenn erst seine Mutter endlich tot war, mit der ganze Familie nichts mehr zu tun haben.

Köpfe

Er hatte zwei Köpfe. Den einen setzte er werktags auf, den anderen an Sonn- und Feiertagen. Er hatte schon überlegt, sich einen dritten Kopf zuzulegen, für die Ferien vielleicht oder um an Werktagen einen Kopf zum Wechseln zu haben. Dass alle anderen Leute nur einen einzigen Kopf besaßen, fand er armselig. Wie konnte man nur so leben! Zu Hause setzte er manchmal überhaupt keinen Kopf auf, er fand das irgendwie bequemer. Aber so wäre er selbstverständlich nicht auf die Straße gegangen, das wäre gesellschaftlich gewiss nicht akzeptiert worden.